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Into the Wild

USA 2007. R,B: Sean Penn. K: Eric Gautier. S: Jay Cassidy. M: Michael Brook, Eddie Vedder u.a. P: Paramount Vantage, River Road Films. D: Emile Hirsch, Catherine Keener, Vince Vaughn, William Hurt u.a.
148 Min. Tobis ab 31.1.08

Reise ohne Wiederkehr

Von Sebastian Gosmann Es ist eine Aussteigergeschichte, wie sie im Buche steht – genauer gesagt: im Tatsachenroman des Bergsteigers und Schriftstellers Jon Krakauer, der mit der Arbeit an seinem 1996 veröffentlichten Verkaufsschlager zugleich zum Biographen Christopher McCandless’ wurde und dessen Verfilmung sich nun ein begeisterter Leser angenommen hat: Sean Penn. Als er sich nach zehn Jahren ungeduldigen Wartens daran machte, das Drehbuch zu schreiben, floß es nur so heraus aus ihm, heißt es. Wie viel Penn an der filmischen Aufbereitung des Stoffs, vor allem aber an McCandless selbst, gelegen haben muß, ist Into the Wild in jeder seiner 148 Minuten anzusehen. Hemmungslos stilisiert er seinen belesenen, vom Asketentum Tolstois, den transzendentalistischen Ideen Thoreaus und dem romantischen Naturalismus Londons inspirierten Protagonisten zum Helden mit reinem Herzen und guten Absichten.

Die Tatsache, daß McCandless sich zum Auftakt seines letztlich tragisch endenden Selbstfindungstrips im Jahr 1990 das überaus extravagante Pseudonym Alexander Supertramp zulegte, versteht Penn nicht bloß als einen notwendigen, zum Zweck der Spurenverwischung vollzogenen Akt der Identitätsverschleierung. Er sieht in dieser Namensänderung nichts Geringeres als die Neugeburt des angepaßten Collegeabsolventen und deutet die zunächst als gewöhnliche Initiationsgeschichte daherkommende Reise gewinnbringend um. Die programmatische Unterteilung des Films in die Kapitel »My Own Birth«, »Adolescence«, »Manhood«, »Family« und »Getting Of Wisdom« dient nicht nur der dramaturgischen Verdichtung der geschilderten Ereignisse. Mit diesem veritablen Kunstgriff bereitet Penn dem verstorbenen Christopher McCandless auch ein rührendes Geschenk. Indem er ihm – sozusagen posthum – die Erreichung sämtlicher dieser Entwicklungsstufen attestiert, feiert er den Idealismus eines Menschen, der die erhebliche Einbuße an Lebenszeit auf gewisse Weise zu kompensieren vermochte durch die zahlreichen intensiven Erfahrungen und Begegnungen, welche ihm seine zweijährige Wanderschaft bot. Es ist die zärtliche Geste eines offensichtlichen Seelenbruders.

Auch die visuelle Gestaltung des Films steht ganz im Dienste der emotionalen Überwältigung. Immer wieder zeigt er uns Emile Hirsch in schwärmerischen Totalen – sei es vor betörend schönen Sonnenuntergängen am Pazifik oder auf den Gipfeln mächtiger Berge. Da darf natürlich die entsprechende Geste des Darstellers nicht fehlen, ebenso wenig wie der für derlei Szenen fast schon obligatorische Zeitlupeneffekt. Doch wer erkennt, daß all dieser ungeniert vorgetragene Pathos einzig der Vermittlung des naturverliebten Blicks des Protagonisten Rechnung trägt, wird zutiefst ergriffen sein von Sean Penns vierter, grandioser Regiearbeit. 2008-01-28 19:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #49.

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