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Jagdhunde

D 2006. R,B: Ann-Kristin Reyels. B: Marek Helsner. K: Florian Foest. S: Halina Daugird. M: Henry Reyels. P: credofilm, HFF Konrad Wolf. D: Constantin von Jascheroff, Josef Hader, Luise Berndt, Sven Lehmann u.a.
83 Min. Zauberland ab 18.10.07

Schwarze Mütze, weißer Köter

Von Daniel Bickermann Wortlosigkeit ist Trumpf in der winterlichen Einöde, nur eine beschwingte Bluesgitarre jammert ein wenig durch die Landschaft, bis irgendwann auch sie verstummt. Kalt und stumm und karg ist alles, sogar an den Wänden hängen nur Fotos von Gletscherlagunen und Eisbergen. Man denkt an die unnachahmliche deutsche Winterlyrik, an Nietzsche vielleicht: »Die Welt ein Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt.« Oder Rilke: »Wer hier allein ist, wird es lange bleiben.« Und doch wird alles ganz anders. AnnKristin Reyels Debütfilm, halb Familienfarce, halb Kulturkomödie, ist ein Film der geschickt eingefangenen Stimmungen und hat als solcher so viele gelungene Situationen auf seiner Seite, daß man sie nur exemplarisch aufzählen mag.

Das ist zum Beispiele eine selten virtuose Montagesequenz, die in nur zwanzig Sekunden (und ausgerechnet bei dieser vergessenen Skurrilität des Lebens namens Tischtennisrundlauf) von zwei Menschen erzählt und wie sie sich näher kommen – Blicke, Hände, Schultern, Bewegungen, langsam schleicht sich ein Lächeln ein, dann spielen die beiden immer weniger gegen und immer mehr miteinander. Editorin Halina Daugird schneidet da mit Hilfe partieller Unschärfen, erstaunlicher Detailaufnahmen und langsam abblendenden Hintergrundgeräuschen eine meisterliche Impressionslandschaft zusammen, die das seltene Kunststück vollbringt, den Zuschauer ganz subjektiv in einen äußerst emotionalen Moment der Figuren mitzunehmen – das ist Montage in ihrer elegantesten Form.

Der zweite exemplarische Moment kommt von den Schauspielern und zeigt sehr anschaulich die Stimmung und das Gesamtkonzept des Films. Wenn der Sohn seinen Vater mit seiner Tante überrascht, könnte das ein großes Drama sein. Aber Hader, Jascheroff und Engel spielen die Szene, als müßten sie ständig ein unangebrachtes Kichern unterdrücken. Wie viele andere Szenen wäre diese peinlich, wenn sie nicht so lächerlich wäre. Man mag diese Menschen, sie sind hilflos und ein wenig albern, und sie wissen es, aber sie tun ihr Bestes. Erinnerungen an Dresens Improvisationsfilme werden wach, auch dort kommt es in emotionalen Belastungssituationen zu Reaktionen von verwirrter Überforderung, die genau deswegen so komödiantisch und zugleich so schmerzhaft realistisch sind.

Die deutsche Familie ist ein Kriegsgebiet, ihre einzig mögliche Ausdrucksform die Farce, und die einzige Antwort ein Humor so schwarz wie die Nacht. Aber Reyels geht den Weg zur Komödie nicht ganz zu Ende; sie kann viel mehr, und sie will es auch zeigen – und obwohl das manchmal ein wenig zu weit vom Ziel der Geschichte wegführt, gelingt ihr der Großteil ihrer hohen Ambitionen auch. Ihr Film schwelgt gierig in sattblauen Nachtstimmungen, in urdeutscher Seen und Tierromantik, und zwischenrein werden zur Balance wieder Trinkspiele mit Wildschweinsichtungen vorgeführt; und natürlich schaffen die Figuren es trotz aller Verwirrung doch noch bis zum Meltdown am Heiligabend. Spätestens hier müßte der Film laut jeglicher dramaturgischen Logik eigentlich kippen und absaufen, allein die minutenlangen Blickduelle zwischen Engel und Krummbiegel, in denen plötzlich ganze Romane der schwesterlichen Gefühlswelt zwischen Haß, Verachtung, Mitleid und Flehen um Anerkennung erzählt werden, sollten jeden eben noch gezimmerten komödiantischen Rahmen sprengen. Aber mit Hilfe ihrer durchweg überzeugenden Schauspieler und ihres erstaunlichen Gespürs für Stimmungen gelingt Reyels fast alles: Sie hat einen leichten schweren Film gedreht, eine schwarze und weiße Komödie, die zugleich eine bittere und hoffnungsvolle Tragödie ist. 2007-11-19 11:48

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