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Jagdhunde

D 2006. R,B: Ann-Kristin Reyels. B: Marek Helsner. K: Florian Foest. S: Halina Daugird. M: Henry Reyels. P: credofilm, HFF Konrad Wolf. D: Constantin von Jascheroff, Josef Hader, Luise Berndt, Sven Lehmann u.a.
83 Min. Zauberland ab 18.10.07

Der Zauber von Eis und Finsternis

Von Kyra Scheurer Auf der Berlinale zurecht mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet hat Jagdhunde, eine Zusammenarbeit mit dem »Kleinen Fernsehspiel« des ZDF, nach ausgedehnter Festivaltour auch hierzulande die große Leinwand vollauf verdient. Weit entfernt vom sentimentalen Sozialdrama werden die Untiefen familiärer Konflikte und Kommunikationsstrukturen verschiedener Generationen ausgelotet – fast beiläufig inszeniert, gebrochen von poetisch überhöhten Bildern, bei allem Hang zu Natur und Tiermetaphern immer nah bei den Figuren und oft erfrischend humorvoll.

Irgendwo im winterlichen Brandenburg: Der 16jährige Lars hat mit seinem Vater Henrik einen alten Bauernhof in der Uckermark bezogen. Weihnachten droht, die Dorfbewohner sind den Neuen gegenüber so eisig wie der gefrorene Boden, in dem sich keine Wurzeln schlagen lassen. Lars ringt beharrlich um einen Platz in der Dorfgemeinschaft, während zuhause sein Vater auf einmal mit der Schwester der Mutter liiert ist, die Mutter dann wiederum pünktlich zum Fest samt jugendlichem Galan auf der Matte steht, der dann quälend lang das filmische Leitmotiv, Schuberts »Winterreise«, zum Besten gibt. Diese Familienhölle strotzt vor erstarrten Gefühlen und Sprachlosigkeit. Gut, daß Lars mittlerweile einen Zufluchtsort gefunden hat, die zarte Freundschaft mit der gehörlosen Marie. Gemeinsam entkommen die beiden der Erstarrung ihrer Umgebung. Dieser Gegensatz findet seine Entsprechung in der visuellen Umsetzung: Betont der Bildmodus generell eher das Statische und komponiert sanft ästhetisierend Stilleben und melancholische Nachtansichten als landschaftliche Entsprechungen innerer Leere und Verkrustung, fragmentiert die plötzlich beweglich gewordene Kamera das Geschehen, wenn Lars und Marie miteinander sind. Taumelnd fügen sich dann Bildversatzstücke zu einer Abfolge räumlich kaum mehr nachvollziehbarer Eindrücke.

Obwohl Jagdhunde in vielerlei Hinsicht der »Berliner Schule« verwandt ist, findet die Berliner HFF-Studentin Ann-Kristin Reyels bereits in ihrem Leinwanderstling neben dem mit dokumentarischen Mitteln spielenden Regiekonzept zu einer sehr eigenen Bildsprache. Die Tiefe und Subtilität der diskreten Innenansicht verschiedener Familienmodelle, aber auch die aufkeimende Liebe zwischen Lars und Marie verdankt sich allerdings vorrangig einem sehr starken Ensemble: Als kathartischer Filter wirkt in der Hauptrolle der Falsche Bekenner Constantin von Jascheroff mit Filmvater Josef Hader als wortkargvitalem Gegenpol, der dem oft eisigen Film die nötige Erdung verleiht. Aber auch Ulrike Krumbiegel und Judith Engel im schwesterlichen Rollenkampf um Mann, Kind und Lebenskonzept meistern den Spagat zwischen unterdrückter Trauer und Wut und aktionistischem Frohsinn mit großer Intensität. 2007-11-19 11:48

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #47.
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