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Ein Tick anders

D 2011. R,B: Andi Rogenhagen. K: Ralf M. Mendle. S: Nicole Kortlüke. M: Ingo Kays. P: Wüste Film. D: Jasna Fritzi Bauer, Waldemar Kobus, Victoria Trauttmansdorff, Stefan Kurt, Renate Delfs, Falk Rockstroh, Katja Liebing, Jürgen Rißmann u.a.
87 Min. Farbfilm ab 7.7.11

Schluckauf im Hirn

Von Constanze Frowein Die Koprolalie, im medizinischen Wörterbuch Pschyrembel als »zwanghaftes Wiederholen von vulgären Ausdrücken aus der Fäkalsprache« beschrieben, ist ein Tic, der sich bei rund 30 Prozent der am Tourette-Syndrom leidenden Menschen zeigt. Auch Eva, ein ganz normales jugendliches Mädchen, ist aufgrund dieser neurologisch-psychiatrischen Erkrankung Ein(en) Tick anders.

In Andi Rogenhagens ersten abendfüllenden Spielfilm kann das Krankheitssymptom als eines von vielen Ausdrucksmitteln für den Tabubruch, den gelebten Exzeß gelesen werden. Auf der einen Seite zeichnet der Film Evas Zuhause als überbehütete Idylle und starken Hort für das Mädchen und ihre Krankheit, auf der anderen bietet er eine Ansammlung anarchischer Befreiungsschläge: Wenn die Heranwachsende Polizisten mit »Heil Hitler« beschimpft und im Bewerbungsgespräch ihr Gegenüber als »Fotze«, wirkt dies in der Ansammlung wie eine Auflehnung mittels Freudscher Fehlleistung gegen täglich lauernde Tabus. Wenn dann Evas Großmutter Playmobil-Männchen mit dem Luftgewehr abschießt, Staubsauger mit Dynamit in die Luft sprengt oder die sommerliche Natur mit Wasserfarbe zur Herbstlichkeit zwingt, löst die Figurenbeschreibung die Protagonistin aus der Angst, mit ihren Tics verstörend zu wirken. So verspricht Evas Großmutter ihrer Enkelin: »Bei mir darfst Du alles kaputt machen – alles!«

Erst als Evas Vater eröffnet, die Familie müsse wegen seines Jobwechsels nach Berlin ziehen, rückt die Geschichte den Kampf Evas gegen den Verlust der vertrauten Umgebung in den Mittelpunkt. Hier wird der Film schwerfällig, wenn er die Darstellung schräger Charaktere mit einem voraussehbaren Erzählstrang verwässert.

Andi Rogenhagens Spielfilmdebüt lebt von der detailverliebten Beschreibung schräger Figuren, die als Reminiszenz an die Freiheit der Kindheit verstanden werden können. Auf die Frage, warum ein Großteil von Ein Tick anders in Rogenhagens Heimatstadt Marl gedreht wurde, erklärt er, der Film sei ein Denkmal an seine Kindheit. 2011-07-08 15:17
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