— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Vier Leben

Le quattro volte. I/D/CH 2010. R,B: Michelangelo Frammartino. K: Andrea Locatelli. S: Benni Atria, Maurizio Grillo. M: Paolo Benvenutti. P: Vivo Film, Ventura Film, Invisible Film. D: Giuseppe Fuda, Bruno Timpano, Nazareno Timpano.
88 Min. NFP ab 30.6.11

Pythagoreisch und pittoresk

Von Melanie Albrecht Michelangelo Frammartinos zweiter Spielfilm setzt auf die kontemplative Kraft der Bilder. Deren malerische Motive findet der Regisseur in einer süditalienischen Bergregion. Kalabrien ist ein verarmter Landstrich, dessen Dörfer archaischen Charme besitzen. In langen Panoramaeinstellungen mit fester Kameraposition wird der ruhige, fokussierte Blick zelebriert. Gerichtet ist dieser auf das Ersichtliche, doch im Zentrum steht ein nicht sichtbarer, da entmaterialisierter Protagonist: die Seele. Diese wandert in Vier Leben episodenhaft vom Menschen zum Tier über die Pflanze zum Mineral. Der Film referiert mit diesem Zyklus auf die Seelenlehre des Vorsokratikers Pythagoras, der während des 6. Jahrhunderts im heutigen Kalabrien lebte. Er war der Ansicht, daß jedes Lebewesen eine Seele habe. Und somit werden im Sinne seiner Vorstellung der Reinkarnation vier Daseinsformen etabliert. Zunächst ist da also der Mensch. Begleitet wird ein greiser Hirte, der seine Ziegen täglich auf die Bergwiesen treibt und ein heiliges Mittel gegen seinen permanenten Reizhusten in ein Glas Wasser rührt, Kehrschaufelschmutz vom Boden der Kirche. Doch er stirbt und ein Zicklein wird geboren. Nach einer doch etwas längeren Einstellung von herumspringenden Ziegen im Stall (eine wahre Geduldsprobe, eher etwas für den fanatischen Tierfilmfreund), verläuft sich ein Zicklein und sucht Schutz unter einem Baum. Wie es der traditionelle Brauch möchte, wird bei einem Dorffest diese Tanne gefällt und auf dem Dorfplatz ausgestellt. In Stücke zersägt, wird das Holz von Köhlern, die einer uralten kalabrischen Handwerkermethode nachgehen, in einem Kohlenmeiler aus Zweigen sowie schwarzem Kies im Inneren zu Holzkohle verwandelt. Als Materie, die mineralische Daseinsform, wird die Kohle am Ende des Films als Rauch in den Himmel aufsteigen.

Eine Konstante in dieser Reihung bildet die Seele, deren verschiedene Ausformungen die einzelnen Episoden präsentieren. In einer filmtheoretischen Abhandlung könnte sich ausführlich der jeweiligen Darstellungen des Transferprozesses zugewandt werden. Doch sie sollen hier nur kurz angeschnitten bleiben. Der Hirte ist ständig von seinen Ziegen umgeben, hängt sich eine liegen gebliebene Glocke um den Hals und sieht als letztes eine Ziege an seinem Bette stehen bevor er stirbt. Schnitt. Die Geburt eines Zickleins wird gezeigt. Diese Montage läßt beide Bilder durch den ausgestellten Schnitt zwischen ihnen fast im Sinne der Intellektuellen Montage des Regisseurs Sergej Eisensteins miteinander kollidieren. Dabei wird inhaltlich eine gewisse Kontinuität suggeriert. Die Seele ist nach dem Tode des Hirten zum Naheliegendem, dem nächsten Leben, gewandert. Hingegen wird der Übergang von der tierischen zur pflanzlichen Daseinsform nicht als Seelenwanderung zu einem weiteren Leben, das wiederum mit der Geburt ansetzt, markiert. Denn die Tanne, unter der die Ziege stirbt, ist schon ausgewachsen. Die Leben beginnen sich zu schichten. Die Menschen, viele Seelen, spielen eine bedeutende Rolle bei den weiteren Transferprozessen. Gemeinsam fällen sie den Baum und die Köhler verarbeiten das Holz zum Mineral.

Der dokumentarisch anmutende Film läßt dabei seine kraftvollen Bilder sprechen, es gibt weder ausgefeilte Dialoge, noch eine Kommentarstimme aus dem Off, sondern eine Geräuschkulisse bestehend aus Tierlauten wie das Bellen des Hirtenhundes (kleiner Teaser: er steht u.a. im Mittelpunkt einer höchst lustigen Szene), dem Meckern der Ziegen, aus dem Husten sowie Gebetswispern des Hirten, aus freudigem Johlen einer Dorfgemeinschaft, das Hämmern der Köhler und immer wieder aus dem tiefen Rauschen der Natur. Die philosophische Lehre, lediglich durch den Titel textlich angetippt, wird allein über die präzise komponierten Bilder transportiert. Das ist beachtenswert. Dabei ist der Film nie allzu spirituell oder gar auf kitschige Weise esoterisch. Dieses stimmige Werk entfaltet durch seine Bildsprache eine meditative Wirkung, wenn man sich auf all die entschleunigten Beobachtungen, die an der Peripherie des vermeintlich Wesentlichen geschehen, einläßt, wie zum Beispiel auf die Aufnahme von Staubpartikeln in der Luft einer Kirche oder das Gewusel von Ziegen auf der Dorfstraße. 2011-07-04 15:19
© 2012, Schnitt Online

Sitemap