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Picco

D 2009. R,B: Philip Koch. K: Markus Eckert. S: André Bendocchi-Alves. P: Walker+Worm Film, Hochschule für Fernsehen und Film München. D: Joel Basman, Constantin von Jascheroff, Martin Kiefer, Frederick Lau, Mo Bahla, Konstantin Frolow, Jule Gartzke, Matthias Kupfer u.a.
108 Min. Movienet ab 3.2.11

Draußen gibt es hier nicht mehr

Von Dominik Bühler Ein Gefängnis in Deutschland. Vier Jugendliche sitzen in einer Zelle. Sie fantasieren, was sie als erstes machen, sobald sie aus der Haft entlassen werden. Kevin blickt als letzter in die Zukunft. Er würde gerne ins Kino gehen.

Kevin ist ein »Picco«, ein Neuling im Jugendgefängnis. Mit ihm lernt der Zuschauer den Alltag und die Regeln des erzwungenen Zusammenlebens kennen. Lange, ruhige Einstellungen bilden die kargen Interieurs der Anstalt ab und zeigen Ausschnitte des Geschehens. Geräusche und Worte dringen mitunter aus dem Off in die Szenerie und erzeugen eine verstörende Kulisse. Die Kamera präsentiert keine etablierenden Bilder und die Montage unterschlägt erklärende Zwischenschnitte. Dem Zuschauer wird eine räumliche Orientierungsstruktur aufgezwungen, die der Situation der Gefangenen ähnelt. Kein einziger Blick geht nach draußen. Picco konzentriert sich konsequent auf das Geschehen im Inneren des Gefängnisses, konstruiert keine ablenkenden Nebenhandlungen und vermag es gerade dadurch, große Spannung aufzubauen. In kurzen, aber intensiven Szenen im Besuchsraum oder durch gelegentliche Post werden die Vorgeschichten der Protagonisten angedeutet, jedoch nicht weiter aufgegriffen. Alte soziale Bindungen und Verwurzelungen der Häftlinge lösen sich zunehmend auf und neue stabile Beziehungen lassen sich angesichts des Klimas der Gewalt und gegenseitigen Schikane nicht aufbauen. Die Besuche der Insassen bei einer Psychologin offenbaren tiefsitzende Ängste und wie schwer es ist, an die Jugendlichen heranzukommen. Im Zusammenleben gebärden sie sich stark, um die Machtkämpfe des Alltags zu überstehen und unterdrücken Schwächere, um nicht selbst zum Opfer zu werden. Nachts leiden sie unter Panikattacken.

Picco basiert auf wahren Begebenheiten. Der berühmteste Fall der jüngeren Folterskandale in deutschen Jugendgefängnissen ereignete sich in der JVA Siegburg. Ein Häftling wurde von seinen Zellengenossen über mehrere Stunden gefoltert und schließlich zum Selbstmord gedrängt. Picco greift immer wieder grausame Details der wahren Fälle auf, vermeidet es aber, eine simple Verfilmung realer Geschehnisse zu bieten. Vielmehr leistet er die eindrucksvolle Aufarbeitung einer aus der Öffentlichkeit verdrängten Parallelwelt der deutschen Gegenwart. Die unkontrollierbaren sozialen Prozesse der Gruppendynamik, die ausgelöst werden, wenn schwerkriminelle Jugendliche auf engem Raum mit dem Verlust jeglicher Hoffnung zu kämpfen haben, werden plausibel dargestellt. Dies ist zu gutem Teil der Leistung des großartigen Schauspielerensembles zu verdanken. Die Figuren werden differenziert charakterisiert und einzig in wenigen Momenten, in denen Problematiken von den Protagonisten selbst artikuliert werden, wirkt der Film lehrstückartig. Hier dringt zu sehr der Wunsch zur Aufklärung über die schlimmen Zustände im Strafvollzug in den Vordergrund, worunter streckenweise die Authentizität leidet, die Picco ansonsten gekonnt evoziert. Im letzten Teil des Films allerdings, in dem sich die Gewaltausbrüche bis zur Eskalation steigern, wird die rationale Artikulation des Geschehens durch die Protagonisten in ihrer Perfidie so unfaßbar, daß sie gerade dadurch glaubhaft bleibt. Man ahnt, daß diese Grausamkeit keine Übertreibung ist. So unvorstellbar kann nur die Wirklichkeit sein. Ohne Frage läßt sich darüber diskutieren, ob die Abbildung der Gewalt in dieser Drastik vertretbar ist. Man kann dem Film allerdings nicht vorwerfen, daß er sie als reine Provokation oder als inszenatorisches Mittel ohne Substanz nutzt. Dazu nimmt er sein Thema und seine Protagonisten zu ernst.

Philip Koch, der mit Picco seinen Abschluß an der HFF München vorgelegt hat, inszeniert diese wichtige Thematik mit einer stilistischen Sicherheit, die für einen Debütfilm bemerkenswert ist. Picco ist ein schonungsloses Kammerspiel, ein dunkler Heimatfilm aus den heimatlosesten Räumen der Republik und schlichtweg schwer zu ertragen, doch wäre es dem Film und seinem Gegenstand zu wünschen, daß sich viele Zuschauer der Herausforderung stellen. Vielleicht ist dies kein Film, der Kevin gefallen hätte, wenn er nach der Haftentlassung ins Kino gegangen wäre, doch seine Hoffnung auf eine absehbare Zukunft in Freiheit ist ohnehin verloren. 2011-01-31 12:53

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