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Guru – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard

CH 2010. R,B: Sabine Gisiger. R,B,K: Beat Häner. K: Matthias Kälin. S: Barbara Weber. M: Marcel Vaid. P: Das Kollektiv für audiovisuelle Werke GmbH.
98 Min. Pandora Film ab 23.9.10

When did it all start to go wrong?

Von Jochen Werner Rajneesh Chandra Mohan Jain war einmal ein Mensch, bevor er zu Bhagwan, dem Göttlichen, wurde. Als Philosophieprofessor reiste er durch das Indien der 1960er Jahre und hielt Vorträge, die nicht selten den Dogmen seiner Zeit radikal widersprachen. Von der scharfen Kritik am Nationalheiligen Gandhi, die ihm sowohl heftige Anfeindungen als auch große öffentliche Aufmerksamkeit zutrug, bis zur religiösen Betrachtung der Sexualität und ihres libertären Potenzials sprengten seine Thesen die Doktrinen der indischen Gesellschaft der 1960er Jahre. Mit der zunehmenden Beachtung wurde schnell klar, daß Acharya Rajneesh, wie er sich inzwischen nannte, nicht nur die Segnungen des Kapitalismus, den er dem seiner Ansicht nach die Armut verklärenden statt sie zu bekämpfenden Sozialismus vorzog, für sein Land einforderte, sondern daß er auf dessen Klaviatur auch selbst virtuos zu spielen verstand. Im Jahr 1970 begann Rajneesh entgegen seiner bisherigen Lehre Schüler um sich zu versammeln und begründete so, im kleinen Rahmen zuerst noch, die Bewegung der Neo-Sannyasin. Diese griff auf die asketische hinduistische Tradition des Sannyasin zurück, ohne sich jedoch dessen Lehre von Verzicht und Entsagung anzuschließen. Stattdessen sollte Rajneeshs Lehre hedonistisch und lebensbejahend sein, den Genuß predigen und ein Leben ganz im und für den Augenblick propagieren. An diesem Punkt seines Lebens begann er, den Titel Bhagwan Shree Rajneesh zu führen.

»When did it all start to go wrong?«, diese Frage stellt sich Hugh Milne, langjähriger Bodyguard Bhagwans, im Verlauf von Sabine Gisigers und Beat Häners Dokumentarfilm Guru – Bhagwan, His Secretary & His Bodyguard immer wieder. Mit ihm und mit Sheela Birnstiel, der Sekretärin des Gurus, die bis heute oftmals hauptverantwortlich für die folgende Kriminalisierung und den Untergang der Bewegung verantwortlich gemacht wird, haben die Filmemacher zwei überaus interessante Gesprächspartner aus dem engsten Kreis um Bhagwan gewinnen können, und die von ihnen gewährleisteten Einblicke ins Innere der Sekte sind tatsächlich aufschlußreich. Beide waren wesentlich beteiligt an der Expansion der Organisation, die zunächst ein großes Ashram im indischen Poona gründete und Anfang der 1980er Jahre schließlich in die USA zog. Dort erwarb man ein riesiges Gelände in Oregon zur Errichtung einer neuen Kommune, wo man 1982 die Stadt Rajneeshpuram gründete. Spätestens an diesem Punkt begann sich die Sekte auch in ein politisches Projekt zu verwandeln, das mit moralisch und juristisch fragwürdigen Mitteln den Einflußbereich Bhagwans, inzwischen leidenschaftlicher Sammler von Rolls-Royces, zu erweitern suchte.

Auch von den spirituellen Wurzeln der Neo-Sannyasin blieb nicht viel übrig, so stellt Milne fest, der sich mit den übrigen Anhängern Bhagwans bald eher als ein Arbeitssklave des Gurus denn als ein Schüler seiner geistigen Lehre wiederfand. Die karge Wüstenlandschaft sollte bewohnbar gemacht werden, und anstelle von Meditationsübungen und Sex standen nun täglich mehr als zwölf Stunden harter körperlicher Arbeit auf dem Programm. Das Luxusleben, dem sich Bhagwan zudem immer offener zuwandte, ließ in Milne die Zweifel an der Entwicklung seiner Lehre wachsen. Guru ist wohl vor allem deshalb ein so faszinierender Film, weil er den allmählichen, manchmal quälend langsamen Erkenntnisprozeß Milnes geduldig nachzeichnet. Seine beiden parallel geführten, mit zahlreichen Archivaufnahmen illustrierten Erinnerungsstränge – den von Milne und den von Sheela – bindet er zunächst relativ eng aneinander, indem er eine Art doppelte Liebesgeschichte erzählt. Von einem charismatischen, dynamischen und lebensfrohen Philosophielehrer ist bei beiden die Rede, dessen Lehre sie sich begeistert und überzeugt anschließen. Die weitere Geschichte erzählt von Expansion, Korrumpierung und Verfall, bis vom Prediger des Hedonismus nur noch ein drogensüchtiges Wrack übrigbleibt, das seinen Jüngern die Blumen, mit denen sie ihn ehren, selbst verkauft. Angesichts dieser Entwicklung gibt es dann auch wohl nur zwei Wege, sich dazu zu verhalten: den des Aussteigers, gewählt von Milne, dem unter größten Schmerzen und Mühen eine Rückkehr in ein Leben außerhalb des Mikrokosmos der Sekte gelang – oder eben den von Sheela, die mit immer skrupelloseren Methoden die Kontrolle über die Anhängerschaft an sich riß und sich bis heute weigert, die dunklen Seiten der Rolle, die sie vermeintlich im Dienste der Lehre Bhagwans, aber vielleicht auch aus eigenem Machtwillen gespielt hat, wahrzunehmen. 2010-09-22 13:13
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