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The Good, the Bad, the Weird

Joheunnom nabbeunnom isanghannom. ROK 2008. R,B: Kim Jee-woon. B: Kim Min-suk. K: Lee Mo-gae. S: Nam Na-young. M: Dalparan, Jang Yeong-gyu. P: Barunson, CJ Entertainment, Cineclick Asia u.a. D: Song Kang-ho, Lee Byung-hun, Jung Woo-sung, Lee Cheong-a, Jo Kyeong-hun, Son Byung-ho, Song Yeong-chang, Uhm Ji-won u.a.
130 Min. Splendid ab 30.7.09

F = m · (v : t)

Von Carsten Tritt Wie schon der Titel ankündigt, ist Kim Jee-woons Film durchsetzt von Zitaten aus Sergio-Leone-Western. Die Handlung ist der von Il buono, il brutto, il cattivo zumindest nahe, und der großartige Soundtrack präsentiert sich als Hybrid aus Mariachi-Klängen und Plastikpop als würdiger Nachfolger der Stilmixe von Morricone, Nicolai und Bacalov – wie seine Vorgänger nicht selten ironischer Kommentar zum Gezeigten. Kims Meisterleistung ist es jedoch, eben nicht Vorbilder bloß zu imitieren, sondern eine eigenständige Dynamik zu schaffen, die dennoch vollkommen vom Geist des Spaghettiwesterns durchströmt wird. Leone schuf beispielsweise fast statische, im Schnitt aufgeladene Bilder, die sodann in plötzlicher, kurzer Bewegung – dem Ziehen, dem Schuß – explodierten. Kim hingegen erzielt eine hierzu vergleichbare Wirkung mit einer unaufhaltsam getrieben wirkenden Kamera, die sich an die Protagonisten klemmt, die Hindernissen ausweicht um dann, wenn sie auf eine noch größere Gegenkraft trifft, abrupt zum Stehen zu kommen oder gar zurückzuprallen. Kims Autoscooter-Ästhetik erwischt das zeitgenössische Hollywoodkintop, in dem selbst bei den Verfilmungen von Graphic Novels wie The Dark Knight das Actionkonzept nichts anderes ist als die Fortbewahrung des Achterbahnkinos seit Indiana Jones, dabei genauso mit heruntergelassenen Hosen wie vor 45 Jahren Leone und Corbucci den US-Western.

Natürlich beschränkt sich die Inszenierung nicht auf den Effekt von Kraft und unerwarteter Gegenkraft, auch wird die dauernde Bewegung gelegentlich kontrastiert mit Momenten völliger Ruhe oder gar Starre – und dennoch wirken die Protagonisten in ihrem Tun gleich Naturgewalten: Wenn »the weird« nach von der Kamera verfolgtem unaufhaltsamen Lauf plötzlich hält, setzt sich dies fort in mehreren in Richtung des Bewegungsvektors ebenso ruckartig umfallenden Soldaten, als wären diese von schlagartig freigewordenen Energien fortgestoßen statt eben totgeschossen.

Kim ist nicht der erste, der einen solchen Stil entwickelt – die Inszenierung des Wirkens von Kraft und Gegenkraft ist schon in den besten kantonesischen Kung-Fu-Filmen angelegt, ebenso wie in ihren aktuellen thailändischen Erben; Kims Evolutionssprung ist es jedoch, diese Philosophie auf eine grandiose Epik des Westerngenres zu übertragen. In einer Verfolgungssequenz kommen folglich die verschiedenen Handlungskräfte in gleicher Richtung zusammen und überlagern sich wie elektrische Wellen. Selbst der Showdown, zunächst scheinbar noch am nächsten an Leone orientiert, wird seine Energie eben nicht mit einem Schuß entladen; die Protagonisten zucken noch lange wie mit Restspannung durchwirkt, bis endlich die Kamera wie zum Beweis für die Geschlossenheit der Erzählung mit einem Blick gen Himmel Ruhe findet. 2009-07-23 14:09

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.

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