— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

In die Welt

Geburtsklinik Semmelweis. A 2008. R,B: Constantin Wulff. K: Johannes Hammel. S: Dieter Pichler. P: Navigator Film Produktion KEG.
88 Min. RealFiction ab 28.5.09

Geburt als körperliches Ereignis

Von Rebekka Hufendiek »Ignaz Semmelweis Klinik Wien«. Das erste Bild nach dem Vorspann situiert den Betrachter vor der Geburtsklinik, die der Film in den folgenden achtzig Minuten nicht mehr verlassen wird. Diese kurze Exposition muß genügen, von nun an ist der Zuschauer in die Welt der Klinik geworfen und muß sich zwischen nervösen Schwangeren, routinierten Ärzten, schreienden Kindern und kindskopfvermessenden Krankenschwestern orientieren.

In die Welt nimmt sich Zeit und Raum, Geburten in einer modernen Klinik zu porträtieren und kommt dabei völlig ohne Kommentare, eingeblendete Texte, Interviews oder Hintergrundmusik aus. Erzählt wird nur durch Bilder und Montage, durch langes Zuhören und Beobachten bei Beratungsgesprächen, Ultraschalluntersuchungen, beim Babybaden und Bettenbeziehen. Durch Herumschweifen auf leeren Gängen und zwischen Aktenordnern, durch gelegentliches Fokussieren auf Details am Rande, wie die Reinigung des Bestecks und die Entsorgung der Nachgeburt. Dabei kontrastiert In die Welt in der Montage permanent das Ereignis der Geburt selbst mit seinen Nebenschauplätzen und dem bürokratischen Drumherum der Klinik.

In die Welt zeigt drei Geburten in kaum geschnittenen langen Einstellungen. Schon für die erste nimmt sich der Film sicher zehn Minuten Zeit. Die Kamera ist beinahe still seitlich vom Bett positioniert, zeigt die Mutter halbnah, mit angewinkelten gespreizten Beinen auf dem Bett liegend und gibt nach hinten den Blick frei, auf den beisitzenden Vater, die Ärztin und die Hebamme. Dezent, unaufdringlich ist diese Szene. Die Kamera verharrt in der Position des nüchternen Beobachters. Die gelegentlichen Schwenks und Einblendungen von Detailaufnahmen verstärken den Eindruck der sachlichen Analyse, die Langsamkeit und die Genauigkeit haben jedoch zugleich noch einen anderen Effekt, sie geben den Blick frei auf die Drastik und Wucht des Geschehens: Sie lassen den Zuschauer selbst alle Muskeln anspannen, während die werdende Mutter nach Schmerzmitteln keucht und zu pressen versucht. Fast fühlt man ihn selbst, den gummibehandschuhten Hebammenarm, der beruhigend über den angespannten Oberschenkel streichelt, man beginnt selbst, das aufmerksame Gesicht der Ärztin abzusuchen, ob denn auch wirklich alles in Ordnung ist, und schließlich spürt man ihn fast selbst, den rötlich-blauen Kopf voller Blut und Schleim auf der eigenen Schulter.

Der Film nimmt sich zwar Zeit für die einzelnen Einstellungen und somit auch für die gezeigten Frauen und Kinder, doch werden diese nicht systematisch über den Film hinweg verfolgt oder gar »begleitet«. Gelegentlich taucht eine Frau mehrfach auf, viele jedoch nur an einer der vielen Stationen zwischen ersten Ultraschalluntersuchungen und dem Üben von Babybaden. In diesem losen Umgang mit seinen Protagonistinnen entspricht der Film in gewisser Weise den Bedingungen in einer großen Klinik, in der die vielen Patientinnen ja auch nicht von Anfang bis zum Ende von denselben Personen betreut werden. Der Film spiegelt dieses Verhältnis in seiner Form, ohne es jedoch zu kritisieren. In die Welt ist keine kitschige Fernsehreportage über das »Wunder des Lebens«, keine wohlfeile Kritik an moderner Massenabfertigung. In die Welt erzählt in dezenten Formen des Direct Cinema von der Geburt als einem körperlichen Ereignis zwischen desinfizierten Laken und Aktenordnern. Gerade durch seine Langsamkeit und Genauigkeit entfaltet er dabei eine Spannung, die es dann doch zu einem drastisch-dichten Ereignis werden läßt, wenn der riesige Babykopf schließlich beim Kaiserschnitt aus dem offenen Bauch auftaucht.
2009-05-22 10:35
© 2012, Schnitt Online

Sitemap