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Once

IRL 2006. R,B: John Carney. K: Tim Fleming. S: Paul Mullen. P: Samson Films. D,M: Glen Hansard, Markéta Irglová. D: Bill Hodnett u.a.
85 Min. Kinowelt ab 17.1.08

Mitten ins Ohr

Von Tamar Noort Eine junge Frau, Typ Studentin, Halstuch, Zopf, nicht allzu schön, führt mitten durch eine belebte irische Innenstadt einen Staubsauger spazieren. Wie einen widerborstigen Terrier zieht sie ihn hinter sich her, tief versunken im Gespräch mit ihrem Begleiter. Der gehört zum Typ mittelloser Straßenmusiker, kaputte Gitarre auf dem Rücken, trägt Bart und wirres Haar, hat aber die Ausstrahlung eines Star-to-Come, der nächste James Blunt vielleicht.

Für ein paar Tage bilden eine klavierbegabte Rosenverkäuferin und ein stimmgewaltiger Staubsaugertechniker eine musikalische Alliance, bei der sich sämtliche Hoffnungen auf ein besseres Leben in der Musik manifestieren. Zusammen finden sie Songs, die im Herzen berühren, ohne sentimental zu sein – und erfüllen sich den Traum, die schönsten Stücke im Studio aufzunehmen. Die Geschichte des Films ist also wenig spektakulär, und die Inszenierung wie auch die formale Gestaltung von Once ist es ebenso wenig.

Warum wackelt die Kamera, wenn der talentierte Staubsaugertechniker seine Songs auf der Straße zum Besten gibt, warum erwecken manche Szenen optisch den Eindruck, als befände man sich in einer Doku-Soap, und warum ist der Film so beiläufig inszeniert, daß der Zuschauer sich gelegentlich dazu beglückwünscht, eine wichtige Szene nicht verpaßt zu haben? Das sind zwar Fragen, die man sich stellen kann – aber schwerer wiegen die Argumente, warum dieser Film trotzdem ein wunderschönes, eigensinniges Werk ist.

Denn auch wenn so mancher den Film als schlurig empfinden mag, ist es gerade das Beiläufige, das sich einfügt in ein stimmiges Ganzes. Der Film zeigt uns eine Momentaufnahme, er zeigt uns zwei Menschen, die sich zufällig über den Weg laufen und für kurze Zeit ihre kreative Energie zusammentun, um etwas Einmaliges zu schaffen. Beide legen ihr Leben in die Musik hinein, arbeiten emotionale Eckpunkte an den Klängen ab. Die Wege, die beide anschließend gehen, hätten sich ohne diesen musikalischen Knotenpunkt nicht offenbart. Die beiläufige Inszenierung macht einerseits deutlich, daß die wichtigsten Momente im Leben sich meist erst im nachhinein als Schlüsselerlebnisse entpuppen, andererseits verweigert sich der Film damit aber auch dem üblichen Pathos so mancher Musikfilme.

Musikfilme haben immer eine Gratwanderung zu bewerkstelligen zwischen der Geschichte, transportiert über die Bilder, und der Musik. In der Regel, da Kino nun mal von Bildern lebt, unterstützt die Musik die Handlung, sie steht im Dienst der Geschichte. Dabei können zweifellos unsterbliche Kombinationen entstehen – wie zuletzt die durchaus charmante Geschichte um den einen Superhit, den Drew Barrymore und Hugh Grant zusammen produzieren sollen, in Mitten ins Herz. Doch auch hier ist die Musik lediglich Träger für die übergeordnete Handlung. Sie wird genutzt zur Charakterisierung der Figuren, zur Verbindung der sich noch nicht und dann doch Liebenden, sie geht ins Ohr und bleibt einem bei – aber sie hat nichts Eigenes. Genau hier liegt der Unterschied zur Musik bei Once. Denn die musikalische Allianz zwischen Rosenverkäuferin und Staubsaugertechniker wird getragen von eben dieser dritten Hauptfigur. Der handgemachten, emotionalen, aber nie pathetischen Musik, die sich so organisch ins Geschehen fügt, daß sie mühelos neben den beiden charismatischen Figuren bestehen kann. Ungern läßt man am Ende die Figuren gehen. Der kurze Moment, in dem alles stimmt, ist vorbei. Doch die Musik hat den Moment eingefangen – für immer. 2008-01-14 11:14

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