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Postal

USA/D/CDN 2007. R,B,D: Uwe Boll. K: Mathias Neumann. S: Julian Clarke. M: Jessica de Rooij. P: Running With Scissors, Brightlight u.a. D: Zack Ward, Chris Coppola, Ralf Moeller u.a.
107 Min. Kinostar ab 18.10.07

»Jetzt ist mir alles scheißegal.«

Von Stefan Höltgen »Ich schieße in alle Richtungen«, hat Rainer Werner Fassbinder einmal auf die Frage, ob er politisch rechts oder links sei, geantwortet. Das stimmte nicht ganz, denn in eine Richtung hat der Filmemacher künstlerisch nie geschossen: in seine eigene. Es wäre auch kaum möglich gewesen, sich als kritische Instanz selbst infragezustellen und der ästhetischen Destruktion preiszugeben, ohne dabei das eigene Projekt zu konterkarieren. Viele Jahre später und unzählbare ästhetische Universen weit entfernt hat sich ein anderer deutscher Filmemacher angeschickt, es trotzdem zu versuchen: Uwe Boll. Bolls neuester filmischer Erguß Postal versucht, eine Satire zu sein, die alles aufs Korn nimmt: die amerikanische Politik, den 11. September, den Islam, den Holocaust, die Filmindustrie – und den Filmemacher Uwe Boll. Dieser scheitert mit seinem Projekt so zwangsläufig, wie mit seinen vorherigen – nur mit wesentlich ärgerlicheren Folgen.

Das fadenscheinige Plotgerüst, an dem Boll seine episodenhaften Comedy-Fragmente aufhängt, könnte absurder kaum sein: Ganz Amerika ist verrückt nach penisförmigen Spielpuppen. Als ein Frachter, der eine neue Lieferung für den Markt heranschafft, sinkt, werden nur wenige Kisten gerettet. Diese sollen im Städtchen Paradise während einer feierlichen Zeremonie im Unterhaltungspark »Little Germany« verkauft werden. Zwei Gruppierungen haben jedoch ein Interesse, sich der Puppen zu bemächtigen: die Taliban, die darin ein tödliches Grippe-Virus unters amerikanische Volk bringen wollen, und eine ortsansässige Sekte, die die Puppen im Internet verkaufen will, um so die Steuerschulden des Gurus zu begleichen. Im Zentrum des Konfliktes steht der arbeitslose Dude, der eigentlich nur aus Paradise verschwinden will, dazu aber Geld benötigt. Er tut sich mit dem Guru, der gleichzeitig sein Onkel ist, zusammen, um die Puppen in einem Raubzug zu stehlen.

Postal nutzt diese Geschichte, um eine endlose Reihe von geschmacklosen, primitiven und leider völlig unkomischen Szenen auf seine Zuschauer abzufeuern. Boll, der hier als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent auftritt, beweist, daß er keinerlei Gespür für das Komische besitzt; angefangen beim schlechten Timing seiner Gags bis hin zu deren Inhalt: Ein Tabu wie den Holocaust oder den Anschlag auf das World Trade Center kann man nicht einfach dadurch sarkastisch brechen, indem man es mit der größtmöglichen Vulgarität auf der Leinwand breittritt – es müßten schon eine gewisse Dramaturgie und eine intelligente Pointe dazu kommen. Boll hat in einer Einführung zu einer der zahlreichen Sneak-Previews des Films gesagt: »Jetzt ist mir alles scheißegal« – und meint damit wohl die Kritik, die er sich für die politischen Unkorrektheiten in Postal einfangen könnte.

Dieses Laissez faire ist jedoch wenig glaubwürdig, denn er selbst taucht in einer zentralen Szene des Films als Promi-Gast im »Little Germany«-Vergnügungspark auf, stellt sich auf eine Bühne und als Uwe Boll vor und läßt verlauten, daß seine Kritiker Recht hätten: Er produziere seine Filme mit Nazigold und zudem fände er Videogames scheiße. Damit versucht Boll sich wohl im Vorab gegen die zu erwartenden Reaktionen auf Postal zu panzern, indem er einfach schon einmal auf sich selbst schießt. Dieser Versuch einer Selbstkritik gelingt jedoch keineswegs, sondern wirkt mehr wie ein hilfloses Wegducken vor einer der zahlreichen narzißtischen Kränkungen, die Boll im Laufe seines mittlerweile 17jährigen Regisseurdaseins dadurch erfahren haben muß, daß ihm jeder, von dem er es nicht hören wollte, gesagt hat, wie es um sein Talent bestellt ist. Mit Postal hat er einen filmischen Beleg davon abgeliefert. Weitere werden leider folgen. 2007-10-15 12:10

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