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Vivere

D 2007. R,B: Angelina Maccarone. K: Judith Kaufmann. S: Bettina Böhler. M: Jacob Hansonis, Hartmut Ewert. P: elsani film, Media Luna. D: Hannelore Elsner, Esther Zimmering, Kim Schnitzer, Aykut Kayacik u.a.
94 Min. Stardust ab 18.10.07

Dreimal drei zwischen zwei Welten

Von Marieke Steinhoff Wenn eine Regisseurin die Erzählform des Roadmovie wählt und ihrem Film den Titel Vivere gibt, dann hat man ja erst mal eine gewisse Erwartungshaltung. Man weiß, daß es in irgendeiner Form um einen Aufbruch ins Unbekannte gehen wird, um spontane und intensive Begegnungen »on the road«, begleitet von Grenzerfahrungen, Selbstfindungskrisen und betörend-romantischen Aufnahmen von der Straße, der Raststätte, dem Gefährt. Und dann der Titel: Vivere heißt »leben«, und was gibt es ambitionierteres als eben dieses in einem Film greifbar machen zu wollen?

Im Zentrum des Films stehen die Lernprozesse von Francesca, Gerlinde und Antonietta. Alle drei befinden sich in einem Zustand persönlicher Krise und brechen an Heiligabend aus unterschiedlichen Gründen mit verschiedenen Gefährten auf, verlassen Pulheim und somit den Zustand der Stagnation und der Frustration, verbringen viele Stunden auf der Autobahn, wo sich ihre Wege zu kreuzen beginnen, landen in Rotterdam, verleben eine Zeit der Extreme, des Lernens, der Befreiung von störenden Verhaltens- und Denkmustern, und kehren zu guter Letzt gemeinsam zurück, gereift und voller neugewonnener Erkenntnisse. Das Genre des Roadmovie ist tatsächlich nicht zu übersehen, befinden sich die drei Frauen doch in einem ständigen Zustand der Fortbewegung, das Ziel ist nicht klar definiert, und die Motive der Autobahn, der Tankstelle, der vorbeifliegenden Landschaft durchziehen den gesamten Film.

Die dramaturgische Erzählstruktur von Vivere könnte man anstelle der Roadmovie-Lesart aber auch wunderbar mithilfe von sozialanthropologischen Theorien zu Initiationsriten analysieren, läßt sich doch das Dreiphasenmodell des französischen Ethnologen Arnold van Gennep zum Verlauf von Übergängen in neue Lebensphasen eins zu eins auf den Film anwenden: Wir haben am Anfang die Ablösung vom vertrauten Zustand – das Verlassen des Zuhauses – dann eine Zwischenphase, in welcher sich der Initiand zwischen den Welten befindet, in einem Zustand der Unstrukturiertheit und Ambiguität, aber auch des Lernens und Ausprobierens – Rotterdam als Ort des Ausnahmezustandes – und als drittes die Wiedereingliederung des Initiierten, der nun aber einen neuen Status einnimmt – Francesca, Gerlinde und Antonietta kehren nach Pulheim zurück, aber sie werden dort nicht mehr die sein, die sie vorher waren.

Was Vivere letztendlich von vielen anderen Filmen abhebt, die mithilfe dieser Dreiphasenstruktur von den Aufbrüchen und Lernprozessen ihrer Protagonisten erzählen, ist die Konsequenz und Kreativität, mit der die Regisseurin Angelina Maccarone ihre Geschichte von drei Initiationen inhaltlich-dramaturgisch und bildsprachlich umsetzt.

So gibt es anstelle einer linearen Parallelerzählung drei verschiedene Versionen derselben Geschichte, jeweils erzählt aus der sehr subjektiven Perspektive einer der drei Frauen. Dreimal verlassen wir Pulheim, dreimal erleben wir den Zustand der Extremerfahrung in Rotterdam, wobei jede Figur ihren persönlichen Tiefpunkt hat, der aber gleichzeitig den Anstoß zur Veränderung gibt. Nur die Rückkehr wird einheitlich erzählt, die Puzzleteile haben sich zusammengefügt, drei Initiationen wurden erfolgreich abgeschlossen. Die Betonung der subjektiven Sichtweise findet sich auch auf der formalen Ebene: Jede der drei Erzählversionen zeichnet sich durch einen eigenen Soundtrack und ein eigenes Kamerakonzept aus, was die Verschiedenheit der Charaktere betont, die inneren Konflikte außen sichtbar machen läßt und eine emotionale Identifikation mit den drei Protagonistinnen ermöglicht.

Dieses Spielen mit der Subjektivität von Wahrheit, der Verschiebung einzelner Szenen durch die drei unterschiedlichen Sichtweisen und die darauf folgende Orientierungslosigkeit beim Zuschauer, der sich um seine Allwissenheit betrogen fühlt, macht Spaß und tröstet hinweg über die leider manchmal sehr angestrengten Dialoge, die überladen sind von den großen Fragen nach Sinn und Unsinn des Lebens, Fremdsein und Zugehörigkeit, kultureller und sexueller Identität, und die aufgrund ihres Pathos gerade in sehr emotionsgeladenen Szenen eine Annäherung an die Figuren erschweren.

Stark ist Vivere indessen immer dann, wenn die Stimmen verstummen und Inhalte hauptsächlich über die Bildsprache kommuniziert werden, wenn der Soundtrack, die Farbgebung und die Dynamik der Kamera zu einem psychologischen Portrait der jeweiligen Figur verschmelzen. Diese kunstvolle Einheit von Inhalt und Bildsprache bekommt man ansonsten selten im deutschen Film zu sehen. 2007-10-16 17:19

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