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Wonderland

GB 1999. R: Michael Winterbottom. B: Laurence Coriat. K: Sean Bobbit. S: Trevor White. M: Michael Nyman. P: Michele Camarda, Andrew Eaton. D: Shirley Henderson, Gina McKee, Molly Parker, Ian Hart, John Simm u.a.
Universal ab 25.11.99.

Prädogmatische Kunst

Von Natalie Lettenewitsch Nur Originalschauplätze. »Echtes« Kneipenpublikum statt Statisterie. Wackelnde Handkamera, kaum künstliche Ausleuchtung. Eines zumindest ist Lars von Trier und Konsorten gelungen: daß jegliche derartigen »Authentizitäts«-Bestrebungen des Gegenwartskinos mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Das reflexartig fallende Stichwort »Dogma« ist in diesem Falle aber Irrtum. Winterbottom hat schon vor ihnen an seiner kleinen Fingerübung nebst dem in Kürze ebenfalls anlaufenden, wesentlich gesetzteren With or without you zu drehen begonnen. Und aufschlußreicherweise bekennt er, daß er sich (wenn überhaupt von Trier) eher vom prädogmatischen Breaking the Waves inspiriert fühle als etwa von Idioten. Sein Wonderland ist weniger Homevideo denn komplexes Kunstkonstrukt und das in unaufdringlichster Weise – scheinbar wie nebenbei. Er beruht auf dem Kinodebüt einer jungen Drehbuchautorin, ist von einem bisher nur doku-erfahrenen Kameramann fotografiert und, spannender Kontrast, mit Musik von Michael Nyman unterlegt, wie man sie einst stets mit streng und kühl komponierten Greenaway-Bildern assoziierte.

Winterbottom trudelt durch London auf den Spuren einer Familie bzw. ihrer Mitglieder, welche mehr oder weniger getrennte Wege gehen. Die dreckigen, grobkörnigen 16mm-Bilder sind so spröde und sperrig, daß man zunächst kaum bemerkt, wie die Geschichte(n) in ihren Bann ziehen. Aber sie tun es – fast hinterrücks. Drei Schwestern: eine mit Kind, geschieden, ernüchtert, Wochenendpapa hängt meistens im Pub. Die andere kurz vor der ersten Geburt, der zukünftige Papa kriegt Fluchtpanik. Die dritte noch allein, auf zermürbender Prinzensuche per Kontaktanzeige, übersieht dabei stets den, von dem sie ihrerseits gesucht wird. Daneben die Eltern, die schon lange aneinander vorbeileben. Und am Rande ein verlorener Sohn. – Sehr langsam, aber nachhaltig schleichen sich diese Figuren in Kopf und Herz.

Wonderland ist weder belanglose Beziehungskomödie noch knochentrockenes Sozialdrama, sondern ein Film, der ohne große Gesten unendlich viel über Einsamkeit, über Enttäuschungen und Sehnsüchte sowie über die Unvorhersehbarkeiten des Lebens erzählt. Gegen Ende läßt Winterbottom die Fäden à la Kieslowski schicksalhaft zusammenlaufen, im Krankenhaus (Zufall möglicherweise?) – hier wird eine Alice ins Wonderland geboren. Das eigentliche Schlußbild ist dann sehr viel unspektakulärer, eine zarte Andeutung nur – aber hoffnungsvoll genug, um die von Großstadtmelancholie gebeutelten Zuschauer versöhnt zu entlassen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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