— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Wolf Creek

AUS 2005. R,B: Greg McLean. K: Will Gibson. S: Jason Ballantine. M: François Tetaz. P: True Crime Channel. D: Peter Alchin, John Jarrett, Cassandra Magrath, Kestie Morassi, Nathan Phillips u.a.
99 Min. Kinowelt ab 13.7.06

Der Film ist des Menschen Wolf

Von Stefan Höltgen Derzeit treibt eine Debatte die Feuilletons um, die den Anschein erweckt, als wäre sie notwendig: Es geht um Folterdarstellungen in Filmen wie Hostel, The Hills have Eyes oder Saw 2 – Werke des Serienmörder- und Horror-Genres, die allesamt in diesem Frühjahr zu sehen waren. Gegenstand der Debatte über diese Filme ist die Frage, ob man es mit einer Reaktion auf die real existierenden Folterbilder aus Abu Ghraib und Guantanamo zu tun habe, ob die Folterfilme vielleicht – wie Boris Groys das angedeutet hat – Gegenstand eines Bildertausches zwischen den folternden Kulturen sein könnten. Die Relevanz dieses Disputes ist schon allein deswegen nicht von der Hand zu weisen, weil der Disput stattfindet – weil er offenbar stattfinden muß. Und nun wird er wohl durch einen weiteren Film angeheizt, der aus einer ganz anderen Ecke der Welt kommt: Wolf Creek ist das Erstlingswerk des Australiers Greg McLean und handelt von einem Serienmörder im Outback.

Die drei Freunde Liz, Kristy und Ben reisen mit einem Gebrauchtwagen durch die australische Wüste. Eines ihrer Ziele ist Wolf Creek, ein ausgetrocknetes Flußbett, in dem vor Urzeiten ein Asteroid niedergegangen ist und einen riesigen Krater hinterlassen hat. Als sie in der Nähe der Sehenswürdigkeit ankommen, lassen sie den Wagen zurück und machen sich zu Fuß auf den Weg. Zurückgekehrt, springt das Auto nicht mehr an. Die drei wissen sich zuerst nicht zu helfen, doch dann naht ein Pickup, dessen Fahrer, der sympathische Mick Taylor, die Liegengebliebenen abschleppt und mit zu seiner Farm nimmt. Dort verabreicht er ihnen ein Betäubungsmittel und beginnt einen nach dem anderen zu foltern und zu töten.

Es sind vor allem die tödlichen Widersprüchlichkeiten, die Wolf Creek zu einem so unangenehmen Film machen: auf der einen Seite die Schönheit der australischen Wüste, die sich auf der anderen Seite als tödliche Falle erweist; einerseits die charmante und kauzige Freundlichkeit Taylors, der sich bald jedoch als gnadenloser Folterer und Killer entpuppt. Wolf Creek spielt mit den Zuschauererwartungen und enttäuscht sie – nicht zuletzt, weil er den Opfer-Figuren beständig Fluchtmöglichkeiten eröffnet, die der Killer dann gnadenlos wieder schließt. Physisch und psychisch starke Charaktere wie der von Liz werden auf grausamste Weise in die Hilflosigkeit gestürzt, von Taylor mit sadistischem Spott überzogen und qualvoll ermordet. Es scheint fast so, als bereite es dem Film Spaß, seinen Zuschauern die Grausamkeit der Realität vor Augen zu führen: Angesichts dieses Horrors gibt es keine Helden.

Wolf Creek schreibt sich damit augenscheinlich in die oben erwähnte Debatte ein – vor allem, weil er auf einem wahren und noch immer ungelösten Fall beruht. Die Folter, die in McLeans Debütfilm vorgeführt wird, ist also ebenfalls ein Marker für vergangenes reales Verbrechen. In den Bildertausch-Diskurs (im Zuge dessen versucht werden könnte, Australien als ein Mitglied der »Koalition der Willigen« zu stigmatisieren) läßt sich dieses Motiv jedoch kaum implementieren, gerade weil der Film eine kriminalhistorische Vorlage hat. Vielleicht aber vermag er der Debatte einen anderen, mehr wirkungsästhetisch orientierten Aspekt hinzufügen: Zu fragen wäre etwa, warum ein Film wie Wolf Creek letztlich funktioniert – und das nicht schlecht – obwohl er lediglich ein derartig reduziertes Setting, Figurenensemble und ein Minimum an Handlung vorzuweisen hat. Ist es – wie Michael Haneke einmal behauptet hat – weil Kino selbst seine Zuschauer stets foltert und diese sich das gern gefallen lassen? 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap