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Warzone

The War Zone. GB 1998. R: Tim Roth. B: Alexander Stuart. K: Seamus McGarvey. S: Trevor Waite. M: Simon Boswell. P: Film Four. D: Ray Winstone, Lara Belmont, Freddie Cunliffe, Tilda Swinton, Kate Ashfield u.a.
99 Min. Arsenal ab 1.6.00

Kriegsgeschehen innerhalb der Mauern

Von Oliver Baumgarten Die dichte, einheitlich grau verhangene Wolkendecke wirft schroffes Licht auf die Küste von Devon. Das grüne Meer spuckt weiße Gischt, aufgeschäumt vom felsigen Untergrund der kargen Küstenklippe. Ein schmaler, zertretener Pfad führt durch die scharfkantigen Felsen zur Spitze einer Klippe. Dort, in den schwarzen Stein gefaßt und von trübgrünem Moos umschlungen, steht ein Betonbunker, kühl, grau und modrig.

Tim Roth befaßt sich in seinem Regiedebüt mit der ehemals heiligen Festung der Familie. Damit visualisiert er ein Thema, das gerade in den letzten Jahren mit Happiness, American Beauty und vor allem Ang Lees The Icestorm Bedeutendes hervorbrachte. Dennoch dürfte The War Zone in seiner atmosphärischen Gestaltung in dieser Reihe unvergleichbar bleiben. Eine spärliche, aber ungeheuer akzentuierte Lichtsetzung bestimmt das Material, aus dem nahezu alle warmen Farbtöne herausgefiltert wurden. In solche Optik gebettet, fotographiert Seamus McGarvey in malerischen, statischen Bildern das schmerzliche Treiben seiner vier Figuren. Die kaum zu ertragende Ruhe, mit denen McGarvey die Bilder ausstattet, zeigt gerade in Zeiten der oft verstandlos eingesetzten Handkamera nachdrücklich Wirkung.

Der 15jährige Tom ist mit seinen Eltern und seiner 18jährigen Schwester Jessie aufs Land gezogen. Dort gesellt sich schon bald zu seiner schrecklichen Langeweile ein böser Verdacht, Jessie und den Vater betreffend. Während der Rest der Familie, nicht zuletzt aufgrund der Geburt eines weiteren Kindes, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen scheint, kapselt sich Tom immer stärker ab. Eines Tages verfolgt er Jessie und den Vater zum alten Bunker, und seine Befürchtungen werden Gewißheit. Tim Roth, der sich nicht nur auf einen perfekten technischen Stab verlassen konnte, sondern auch auf eine meisterliche Darstellerriege, schont in der Erzählung weder die Figuren noch den Zuschauer. Sehr unverbindliche inzestuöse Anspielungen zu Beginn des Films, die den Spannungsbogen beharrlich steigen lassen, löst er mit einer waghalsigen Szene auf.

Das explizite Zeigen sexuellen Mißbrauchs ist im Film immer eine Gratwanderung mit großer Fallhöhe, doch, wie in The War Zone, oft auch ein Schock, der die Maskierungen der Figuren noch konsequenter zu hinterfragen erlaubt. Der Mut Roths, sich für diesen Point-of-View-Shot im Bunker zu entscheiden, den insbesondere Lara Belmont, Ray Winstone und Seamus McGarvey mit großer Ehrlichkeit unterstützen, stärkt die unerschütterliche Konsequenz, mit der er sein düsteres Porträt bedenkt. Die karge und wenig heimelige Landschaft spiegelt sich nicht allein in der Atmosphäre unter den Figuren wider, sondern dank einer zurückhaltenden Maske auch in den fast ungeschminkt wirkenden Gesichtern der Schauspieler selbst. Abgekämpft wirken sie, verbraucht von der »War Zone«, die sich eben nicht im freien sozialen Raum befindet, draußen, sondern drinnen, innerhalb der Mauern, die sozialen Schutz bieten sollen – die Familie als Bunker. Ein formal und erzählerisch außergewöhnlicher Film. 1970-01-01 01:00

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