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Waking Life

USA 2001. R,B,K: Richard Linklater. K: Tommy Pallotta. S: Sandra Adair. M: Glover Gill. P: Line Research, Detour Filmproduction. D: Wiley Wiggins, Trevor Jack Brooks, Lorelei Linklater, Ethan Hawke, Julie Delpy u.a.
99 Min. Fox ab 4.7.02
Von Sascha Seiler In Richard Linklaters Filmen wird gerne und viel geredet. Ob die Rumhänger in Slackers, die ein Phänomen des Amerikas der frühen 90er Jahre illustrieren sollen, oder die Liebenden in Before Sunrise, die das verlorengegangene romantische Ideal des 19. Jahrhunderts in die Neuzeit transportieren – Linklaters Filme sind eine Kumulation aus Monologen und Dialogen, die gemeinsam haben, nicht nur ein bestimmtes Lebensgefühl zu illustrieren, sondern auch als Repräsentation eines kultur- und literaturgeschichtlichen Phänomens zu dienen.

Während Slackers und Dazed and Confused tief in der amerikanischen Alltagskultur verwurzelte Geschichten erzählten und sich Before Sunrise der europäischen Novelle des ausgehenden 19. Jahrhunderts annimmt, versucht nun Waking Life gleich die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit unter der leitmotivischen Variante »Schlaf und Tod« zu subsumieren. So gesehen ist Waking Life Linklaters Variation der südamerikanischen Avantgarde-Literatur, da die Zeit des Erwachens Hand in Hand mit einer Suche nach dem Sein unter der Prämisse des intelligenten Einflechtens von wahrer und fingierter Kulturgeschichte geht. Man denkt nicht nur an Borges oder Cortázar, man denkt auch an die ewige Suche in den Romanen des Chilenen Roberto Bolano, allen voran in »Los detectives salvajes«, in dem diese Suche nach der großen, unbekannten, verschollenen Dichterin nicht mehr ist als die Suche nach dem Leben an sich, nach dem dichterischen Selbst, und somit eigentlich die Suche um der Suche willen; eine Suche, die Waking Life dem Zuschauer in 100 schmerzvollen Minuten vor Augen führt.

Dieser Detektiv, der die Geheimnisse der Existenz ergründen möchte, befindet sich in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod, und er sucht nach einer Erklärung, warum er nicht aufwachen kann. Er begegnet Freunden, Wissenschaftlern, Philosophen, Durchschnittsbürgern und irgendwann selbst Steven Soderbergh. Er begegnet sogar dem Paar aus Before Sunrise. Deren gemeinsames Ziel scheint es zu sein, dem Protagonisten mit Hilfe philosophischer, naturwissenschaftlicher oder kulturanthropologischer Ansätze sein Erwachen zu erleichtern, zu illustrieren, zu erklären. Am Ende kann das Leben in ihm dennoch nicht mehr erweckt werden.

Irgendwann trifft er einen flippernden Richard Linklater, der dem jungen Mann erklärt, daß er sich in erwähntem Schwebezustand befindet. Natürlich erklärt er es nicht wirklich, aber das Dickicht der Metaphern ist leicht zu durchdringen, da Linklater den Schlüssel zum Dekodieren der sprachlichen Zeichen etwas zu offensichtlich im Laufe des Films herumliegen läßt. Und mit dieser Erkenntnis entschwebt der Suchende dieser Welt. Um den Film zu verstehen, was trotz des Informationsoverkills, der ohne Pause in Waking Life abgespult wird, nicht sonderlich schwierig ist, muß man nur die vier oder fünf Deutungen des Titels gegeneinander abwägen und sich dafür entscheiden, was Linklater uns jetzt genau damit sagen wollte.

Der Weg dieses Existenzdetektivs jedoch ist, anders als bei seinen literarischen Vorbildern, unschlüssig, beliebig und ohne Geheimnis, vor allem aber auch ohne Humor. In seiner Adaption des literarischen Spiels mit Verweisen, Anekdoten und Alltäglichem scheitert der Film daran, daß kein Zugang gefunden wird, der eine Suche überhaupt rechtfertigt; es werden keine Geheimnisse gelüftet, die den nächsten Schritt bedingen. Denn auch die Schritte sind willkürlich. Und das Ganze ist auf Digitalkamera gedreht und nachkoloriert.

Technisch nämlich ist der Film ein äußerst gelungenes Experiment. Die Form der Darstellung triumphiert bei Waking Life eindeutig über das Dargestellte, indem es gerade jene Verschmelzung eingeht, welche die Worte der Protagonisten untermauern sollten. Aber die Geheimnisse liegen von Anfang an offen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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