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Verrückt nach Paris

D 2002. R,B: Eike Besuden, Pago Balke. K: Piotr Lenar. S: Margot Neubert-Maric, Birgit Hemmerling. M: Karsten Gundermann. P: Geisbergstudios. D: Dominique Horwitz, Marion Mitterhammer, Paula Kleine, Frank Grabski, Wolfgang Göttsch u.a.
90 Min. Neue Visionen ab 12.9.02

Fiktionale Dokumentation

Von Annika Höppner Drei behinderte Freunde machen eine Reise, um ein bißchen mehr Glück, Freiheit und Abwechslung in ihr eher eintöniges, vom Heimalltag bestimmtes Leben zu bringen. Über verschlungene Wege und hilfsbereite Menschen kommen sie nach Paris. Unzufrieden mit ihrem Leben im Heim versuchen sie hier auf eigenen Füßen zu stehen und erfüllen sich, jeder auf seine Weise, einen kleinen Traum. Ihr Betreuer allerdings ist alles andere als begeistert von ihrer Reise, denn er muß ihnen nachreisen und sie zurückbringen.

Nun könnte sich ein temporeiches Roadmovie entwickeln, doch Tempo machen allenfalls die schwindelerregenden Kameraschwenks. Verfolgt von einer wildgewordenen Kamera fällt Philip, einer der drei Freunde, in einer Szene eine Treppe hinunter, was dem Auge des Betrachters wohl mehr schmerzt als dem Fallendem. In Dialogszenen werden Schnitte durch Kamaraschwenks vermieden, so daß zwar die Umgebung verschwommen eingefangen wird, aber eine unpassende Unruhe in die Bilder kommt. Der verzweifelte Versuch, der Geschichte hierdurch Dynamik zu verleihen, mißlingt, zumal die rasanten Bilder nicht im geringsten wiedergeben, was diese durchschaubare Geschichte zu erzählen vermag. Aus einer wohlmeinenden Perspektive könnte man die verwirrenden Bilder vielleicht als Spiegel der orientierungslosen Flucht der Behinderten verstehen.

Im Grunde ist Verrückt nach Paris eine Art fiktionaler Dokumentarfilm. Dazu trägt hauptsächlich die Entscheidung bei, Hilde, eine der drei behinderten Protagonisten des Filmes, aus dem Off erzählen zu lassen. Aber auch die Kamera, die jeden Ort erst aus der Totalen in Vogelperspektive filmt und dann heranfährt, wirkt durch diese Ortsbeschreibungen und natürlich auch durch die wackeligen Bilder dokumentarisch. Hier verrät sich die Herkunft Eike Besudens aus dem Dokumentarbereich. Verrückt nach Paris ist sein erster Spielfilm. Seine Figuren wirken wenig inszeniert. Vielmehr scheint er spontane Möglichkeiten, die sich offerierten, eingefangen zu haben. So reagieren besonders die Behinderten mit Einfallsreichtum und Witz auf die sich ergebenden Situationen.

Dem Regisseur geht es darum, ein Bewußtsein für die Situation Behinderter zu schaffen und Berührungsängste zu überwinden. Hildes Stimme aus dem Off erzählt ihre Geschichte. Sie erzählt von den Schwierigkeiten ihres Lebens, aber auch von ihren Träumen und Gefühlen, so daß wir als Zuschauer mit etwas konfrontiert werden, was wir sonst nur am Rande mitbekommen. Gerade durch ihren Witz und ihren Einfallsreichtum in schwierigen Situationen werden Behinderte hier nicht als bemitleidenswert dargestellt.

Wäre Besuden beim Dokumentarfilm geblieben, hätte eine ergreifende Stück authentisches Kino entstehen können. So aber scheitert der Film an seinem Beiwerk. Die nicht-behinderten Charaktere werden platt und klischeehaft in Gut und Böse eingeteilt. Das Ende ist vorhersehbar. Und der Sinneswandel des Betreuers (Dominique Horwitz) vollzieht sich zu schnell, glatt und unglaubwürdig. Man verläßt den Film ein wenig zwiespältig: einerseits berührt von der nuancenreichen Darstellungsweise der behinderten Schauspieler und der dokumentarischen Nähe, andererseits abgeschreckt durch die Simplizität der Story und das Klischeehafte. 1970-01-01 01:00
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