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Verfolgt

D 2006. R: Angelina Maccarone. B: Susanne Billig. K: Bernd Meiners. S: Bettina Böhler. M: Jacob Hansonis. P: MMM Film. D: Maren Kroymann, Kostja Ullmann, Moritz Grove, Sophie Rogall u.a.
87 Min. Kool ab 4.1.06

Erwischt

Von Arezou Khoschnam Jan und Elsa haben nichts miteinander gemein. Jan ist 16, cool und gutaussehend, hat Erfolg bei den Mädels und ist Straftäter. Elsa ist über 50 – man könnte von einer sehr herben Schönheit sprechen – führt ein geordnetes Familienleben mit Haus und Garten und ist beruflich die Beste ihres Faches. Elsa ist Jans Bewährungshelferin. Trotz aller eklatanten Unterschiede beginnen die beiden sehr bald eine Affäre, jedoch ohne miteinander zu schlafen. Stattdessen schlüpfen sie in Rollen. Jan ist das Opfer. In demütiger Haltung wartet er darauf, von Elsa körperlich gezüchtigt zu werden, um sich danach schutzsuchend in ihre liebevolle Umarmung zu flüchten.

Es fällt nicht gerade leicht, diese in vielerlei Hinsicht mehr als brisante Verbindung nachzuvollziehen und vor allem Elsas Mißachtung ihrer pädagogisch-moralischen Verantwortung zu tolerieren. Dennoch fühlen wir uns angesprochen, weil Regisseurin Angelina Maccarone uns den Spiegel vorhält. Was wir darin sehen, ist unsere eigene Ablehnung gegenüber dieser sadomasochistischen Affäre. Immer häufiger ertappt sich der Zuschauer dabei, wie ihm vor Entsetzen der Mund offen steht. Wir sind zwar nur die Beobachter, doch immer dann, wenn Jan und Elsa Gefahr laufen, erwischt zu werden, erschrecken wir uns so, als ob wir selbst etwas Verbotenes täten. Das Spiel mit der sexuellen Macht ist für uns genauso neu wie für Elsa.

Nur zögerlich läßt sie sich auf das Treffen mit Jan ein, von dem überraschenderweise der erste Schritt ausgeht. Von Mal zu Mal lebt sie ihre sadistisch-erotische Seite immer bewußter aus, und wir sind mittendrin. Der Titel des Films ist Programm. Elsa wird von ihrem neuen Verlangen verfolgt und förmlich aufgefressen. Alles andere ist plötzlich egal geworden und die Angst vor Risiken scheinbar nicht spürbar.

Aus freien Stücken und ohne jedwede Dramatik schließlich erzählt Elsa selbst ihrem Mann von ihrer intimen Beziehung zu Jan. Kein »Laß mich dir erklären«, »Versteh doch« oder »Ich verspreche dir, daß es nie wieder vorkommen wird«. Ein schlechtes Gewissen stellt sich bei ihr nicht ein. Die Fragen nach dem Warum – was bringt eine Frau mit einem scheinbar erfüllten Leben dazu, für ein neues Sinngefühl derart ihr bisheriges Leben aufs Spiel zu setzen? Weshalb begibt sich Jan in diese Opferrolle? Welchen Hintergrund hat seine Neigung? – stellen sich auf mehreren Ebenen, werden jedoch nicht beantwortet.

Maccarone interessiert sich deutlich für das Hier und Jetzt ihrer Figuren, die sie ganz genau beobachtet. Mit Maren Kroymann und Kostja Ullmann in den Hauptrollen agieren sehr gegensätzliche Schauspieler vor der Kamera, die gleichzeitig durch Zurückhaltung und intensives Spiel überzeugen. Ullmanns Augen – stets eine Andeutung von Abgründigkeit – bringen Kroymanns tough-kühle Aura zum Schmelzen. Ebenso wie die Schauspieler nimmt die Kamera ihre entsprechende Position ein und paßt sich der Perspektive der Figuren an. Die kühle Schwarzweiß-Optik des Dramas erweist sich dabei als hervorragende Wahl. Sie verleiht der zurückhaltenden Inszenierung eine elegante Ästhetik, hält damit den Zuschauer auf Distanz, ohne von ihm den Blick eines Voyeurs einzufordern. Stattdessen berührt der Film. Die Einstellungen erinnern mal an streng komponierte Hochglanzfotographien, mal an wackelige Bilder eines lebensnahen Dokumentarfilms. Die eigentümliche Filmsprache von Maccarones zweitem Kinofilm brachte ihr in Locarno jüngst einen Leoparden ein, in einer Kategorie, die erst noch benannt werden mußte. Als »Cineastin der Gegenwart« packt sie schwierige Themen an, Tabuthemen.

So auch in ihrem letzten Film Fremde Haut. Darin nimmt die von der Abschiebung bedrohte iranische Hauptfigur die Identität eines verstorbenen Landsmannes an, dem wiederum das Aufenthaltsrecht genehmigt wurde. Verkleidet als Mann, verliebt sie sich in eine Frau, doch das zarte Glück scheitert an der spießigen und mißgünstigen Umwelt. Individuelle Identitätsfindung kontra konservative Gesellschaft bildet nun auch die thematische Basis von Verfolgt, allerdings mit einem viel stärker ausgeprägten Sinn für Ästhetik als beim Vorgänger, mit dem Ziel, daß Inhalt und Form einander ergänzen.

Nachdem Jans Freund hinter dessen Beziehung gekommen ist, schlägt er ihn aufs Übelste zusammen. In dem Moment, wo er ihn »krank« schimpft, rüttelt Maccarone an unseren moralischen Werten und führt sie ad absurdum. Das Bemühen, die Toleranz des Zuschauers für eine solche Beziehung anzusprechen und unser Verständnis von »normal« zu hinterfragen, ist in Verfolgt deutlich zu spüren und auch gelungen. Doch noch überlagert unsere kritische Haltung das gekitzelte Gefühl der Akzeptanz. Noch ist das Thema Sadomaso zu fremd, als daß wir uns in den entsprechenden Szenen getrost zurücklehnen könnten. In diesem Sinne schließt dieses gewagte Spiel mit einem offenen Ende, das unsere unbefriedigten Fragen aufs Neue hervorholt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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