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Vater und Sohn

Otets i syn. D/NL/F 2003. R: Aleksandr Sokurov. B: Sergej Potepalow. K: Alexander Burow. S: Sergej Iwanow. M: Andrej Sigle. P: zero film u.a. D: Andrej Shchetinin, Alexej Neymyshew, Alexander Razbash.
84 Min. Piffl Medien ab 5.8.04

Ohne Mutter

Von Thomas Waitz In diffuses Licht getaucht gleitet die Kamera im Close Up über zwei Körper. Zwei Männer, der eine hält den anderen im Arm, scheint ihn zu stützen. Aber das Bild ist indifferent, chargiert zwischen einem Liebesakt und Schmerz. Es ist vorbei, sagt einer der beiden – der Vater wird er im Film genannt, aber er könnte auch ein Bruder sein. Nichts ist in dieser Szene eigentlich zu erkennen – die Kamera scheint die beiden Körper kaum zu ergründen, löst sie vollständig aus einem Umfeld, das sich nicht einmal erahnen läßt, ortlos, unbestimmt. Du hast mich gerettet, wieder einmal, antwortet der Sohn. Doch da steht bereits fest, daß die beiden voneinander werden Abschied nehmen müssen.

Alexander Sokurov ist – was seine internationale Präsenz betrifft – zweifellos einer der bedeutendsten russischen Regisseure der Gegenwart. Er ist das umso mehr, als er einen visuellen Stil pflegt, den man als einzigartig bezeichnen muß: Sich völlig einer narrativen Struktur, welche die Figuren in ein – wie auch immer geartetes – historisch-soziales Umfeld bettet, zu verschließen, erfordert Mut. Im massiven Einsatz elegischer, parabelhafter und mit einem Höchstmaß an Bedeutung aufgeladener Bilder nur Eklektizismus und eine Vorliebe für Manierismen zu sehen, hieße jedoch, die konzeptionelle Geschlossenheit seines Vorgehens zu mißachten.

Ein Vater lebt mit seinem Sohn in größter Vertrautheit und Nähe zusammen. All dem, was sich Alltag nennen ließe – ein Feld, das in Sokurovs Film zu keiner Repräsentation findet – scheinen sie enthoben. Mehrfach bilden Fotographien an Wänden einen metonymischen Verweis auf ein Vorher – aber es scheint ein mythisches Vorher, einer tatsächlichen Erinnerung vorausliegend. Der Vater, wir erfahren es einmal und fast beiläufig, war beim Militär, der Sohn ist es heute. Sokurovs Film verhandelt eine Form der Männlichkeit, in der soldatische Erziehung und die Erfahrung des Krieges wiederkehrend zu einer pathologischen Prägung zu führen scheinen, die sich weder in der Melancholie des Vaters noch in der leerlaufenden, juvenilen Kraft des Sohnes, kraftmeiernden Spielchen, Bolzen und Raufen Bahn zu brechen vermag. Frauen bleiben in dieser Welt abwesend – oder außen vor. Beim Sohn deutet sich zwar die Intimbeziehung zu einem Mädchen an, aber die Unmöglichkeit, sie zu lieben, reproduziert nur die Disposition desjenigen, der kein Mitleid haben kann mit jemandem, der sich ängstigt – wie er einem Nachbarsjungen, der stereotyp-verratenen Figur des weichen Zauderers, bestätigt. Am Ende bleiben das Pathos des Sich-Nichtzurechtfindens, Einsamkeit, die Flucht in eine geschützte Innerlichkeit, die von Anfang an vom Verlust bedroht ist.

Vater und Sohn durchzieht ein düsteres, gelbliches Licht. Der Film scheint wie aus matten Brauntönen gemalt, seine Orte liegen im fahlen Seitenlicht der tief stehenden Sonne. Doch die Szenen und Einstellungen schaffen keine Orientierung im Raum. Wenn wir dem Sohn durch die leere Stadt folgen, ist damit keine bestimmte Stadt, kein konkreter Ort gemeint – an einem allein filmischen Ort, teils in St. Petersburg, teils in Lissabon, hat Sokurov gedreht. Die Räume bleiben hier letztlich ohne Belang, die Figuren unbehaust – Vater und Sohn verbringen die Zeit auf dem Dach eines Hauses am Meer, der Zwischenwelt eines Limbus gleich. Es gibt kein »Außen«, das antagonistisch zur Innenwelt der Figuren stünde. Das Innere von Figuren aber ist eine Leerstelle des Filmischen – Sokurov setzt auf die Großaufnahmen der Gesichter seiner Darsteller, Zuschreibeflächen von Emotion. Nicht immer gelingt ihm der Ausdruck – seinen Figuren gelingt er nie. Vater und Sohn leiden an ihrem Unvermögen, doch der Film läßt ihnen nur den süßen Duft der Schwermut, den Sokurov nahezu auszukosten scheint. Aber er meint das alles ganz und gar ernst: Da ist kein Platz für Indifferenz, für latente Homoerotik, für narrative Brüche, für Fluchten. So viel hermetische Geschlossenheit, so viel Empfindsamkeit dürfte manchen Zuschauer ratlos zurücklassen. 1970-01-01 01:00

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