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Tsotsi

ZA/GB 2005. R,B: Gavin Hood. K: Lance Gewer. S: Megan Gill. M: Vusi Mahlasela. P: Industrial Development Corporation of South Africa. D: Presley Chweneyagae, Mothusi Magano, Israel Makoe, Percy Matsemela u.a.
94 Min. Kinowelt ab 4.5.06

Schicksal eines Gangsters

Von Christian Lailach Das Leben in Ghettos, wie sie in vielen Regionen unserer Welt existieren, ist für einen westlich geprägten Menschen sicher nur schwer vorstellbar: aus Wellblech zusammengezimmerte, engste Behausungen, erschlossen über lehmige Gassen, ohne jegliche Infrastruktur – ein Leben am Rande von wirtschaftlich gut entwickelten Metropolen mit oftmals Millionen Einwohnern, am Rande der als zivilisiert gepriesenen Gesellschaft. Ohne die Kenntnis oder zumindest das Bewußtsein um deren Existenz ist es nahezu undenkbar, ernsthaft Zugang zu finden; Zugang zu den Schicksalen und Welten der dort lebenden Menschen.

Das südafrikanische Johannesburg ist eine dieser Großstädte. In einem ihrer Slums lebt Tsotsi, was im Slang soviel wie Gangster bedeutet, weitestgehend ziellos in den Tag. Dort wenig respektiert, beraubt er am Bahnhof mit seinen drei Kumpanen die ein oder anderen wohler Situierten. Als er mit einem gestohlenen Auto ob seiner noch nicht vorhandenen Fahrfähigkeiten im Graben landet, sieht er sich erstmalig mit Verantwortung und Hilflosigkeit konfrontiert. Des Kleinkindes auf dem Rücksitz nimmt er sich in einer Reaktion zwischen instinktivem Reflex und blinder Irritation an und beginnt allmählich, sein bisheriges Leben zu reflektieren.

Im Großen und Ganzen ist dies die Handlung, die keine weiteren elementaren Höhen oder Tiefen besitzt; diese aber auch nicht zwingend benötigt, gar ohne diese gerade erst funktioniert. Dies zeigt sich, da die existierenden Handlungsamplituden dramaturgisch eher irritieren denn zu entwickeln helfen. Wenn etwa Tsotsi und seine Kumpanen in den einleitenden Szenen einen älteren, wehrlosen Mann in der U-Bahn so mir nichts, dir nichts erstechen, er jedoch Minuten später eine Frau nur anschießt, dann kommen leichte Zweifel an der Authentizität des Protagonisten auf. Der eben noch als rücksichts- und gefühllos dargestellte Straßenräuber wird allzu schnell seiner Extreme beraubt. Diese darzustellen, fällt Chweneyagae von Anbeginn sowieso schwer, wenn er angsteinflößend durch die Straßen ziehen soll; viel eindringlicher kann er in der Rolle des hilflosen, desorientierten Kleinkriminellen überzeugen. Erstaunlicherweise gelingt es ihm nach den notwendigen, etwas leichtfüßig komponierten Rückblenden, eine glaubwürdige Figur aufzubauen, die er im Zusammenspiel mit Pheto schlußendlich durchaus zu halten vermag.

Tsotsi bedient sich dabei einer vollends ungekünstelten Narrationsstruktur: Der Rezipient soll eine Gefühlsebene zu dem Protagonisten aufbauen, mit ihm leiden. Dabei durchleben beide auf einer leicht zugänglichen Ebene die Verwandlung vom hilflosen Verbrecher hin zu ersten Ansätzen eines einsichtigen, mitfühlenden Menschen. All dies klingt trivial, ist es auch, kann jedoch, nach den anfänglich zu eindringlichen Szenen der Aufarbeitung, über die Länge des Films die Aufmerksamkeit an sich halten. Dies ist einerseits sicher in der nie zu ausgetretenen, relativ treffsicher pointierten Darstellung begründet; andererseits werden wir die ganze Zeit von Tsotsitaal und Kwaito, der Sprache und Musik aus den Straßen südafrikanischer Suburbanität, begleitet.

Von einer reduzierten Architektur über die lokalen, meist jungen Schauspieler bis hin zu der Omnipräsenz eines Aids-Plakates, entsteht ein für Tsotsi auffälliger Realitätsbezug, der die mit ihm einhergehenden Schwächen absorbieren kann. Hier zeigt sich Hoods Sicher- als auch nationale Verbundenheit. Ihm gelingt ein in sich stimmiger, geradliniger Film; keineswegs in Bezug auf einen erwartbaren dokumentarischen Anspruch, vielmehr im Vergleich zu weitaus professionelleren Produktionen. 1970-01-01 01:00

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