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Tiger & Dragon

Crouching Tiger, Hidden Dragon. USA 2000. R: Ang Lee. B: James Schamus, Wang Hui Ling, Tsai Kuo Jung. K: Peter Pau. S: Tim Squyres. M: Tan Du. P: Bill Kong, Hsu Li Kong, Ang Lee. D: Chow Yun-Fat, Michelle Yeoh, Zhang Ziyi u.a.
Arthaus ab 11.1.01

Bye bye Newton

Von Matthias Grimm Ein einsamer Krieger, zerrissen von den Opfern, die er für das Reich bringen mußte, seine Träume verloren an ein Leben voll Ehre und Selbstaufgabe. Auf der Suche nach innerem Frieden vermacht er sein zur Legende gewordenes Schwert seinem Herrn. Doch das Schicksal versagt ihm das neue Leben, und am Ende bleibt nur die Gewißheit dieser tiefen Traurigkeit, die er zu Beginn in einer Meditation erfährt: der Schatten einer großen Liebe, der er nur als Geist seiner verdammten Seele begegnen kann.

Gewaltiges Pathos, mit dem Ang Lee auf die Leinwand zurückkehrt, nach Ostasien, dort, wo er seine Karriere begann, und dessen Sagenwelt und Populärkultur er mit dieser ungewöhnlichen Reminiszenz ein Denkmal setzt. Tiger & Dragon ist ein episches Drama von großen Helden und Schurken, Verrat, Rebellion, Ehre und Ritterlichkeit. Eine romantisierende Hommage an Zeiten, die es nie gab, aber in denen Strukturen einfach und Menschen außergewöhnlich waren. Ein Martial-Arts-Film, der alle Ketten sprengt, die Hollywood diesen Sommer allenfalls lockern konnte.

Kampf-Spezialist Yuen Wo-Ping schuf bereits mit der Choreographie für Matrix eine neue Ästhetik, die allen Naturgesetzen entsagte. Dieses Mal scheint er sich gar über ihre Beschränkungen lustig zu machen. Denn Bewegung ist mehr als Gewalt, vielmehr Ausdruck der Psyche: Der Geist ist die schärfste Waffe und kennt keine Fesseln. Und Wo-Ping kennt offenbar keine Schwerkraft. Die in der Meditation geschulten Krieger-Mönche in Tiger & Dragon schweben über die Dächer Chinas, laufen an Wänden empor und fangen Giftpfeile mitten im Flug. In einer wunderbaren Szene jagen sich Krieger und Meisterdiebin in einem dichten Bambuswald, bis Oben und Unten, Klettern und Fliegen identisch, ohne Bedeutung sind, die Welt keinen Gesetzmäßigkeiten mehr unterliegt, der Mensch als einzige Entität existiert.

Ang Lee ist sich jederzeit der mystischen Präsenz seiner Figuren bewußt, macht aber nicht den Fehler, sich auf das schonungslose Auskosten seiner neuen körperlichen Möglichkeiten zu beschränken. Die Action ist nur Katalysator, physischer Ausdruck eines Konfliktes, der sich tief in den Personen verbirgt. Tiger & Dragon verrät in keiner Sekunde seine Figuren an einen optischen Overkill, setzt bewußt auf Inhalt anstatt auf Form.

Tatsächlich hält sich Lees Bildsprache angenehm zurück. Er inszeniert Dialogszenen beinahe sträflich konservativ, um die gewaltigen Kämpfe und Landschaftsaufnahmen zur Geltung kommen zu lassen, ohne dabei in prätentiösen Zeitlupensequenzen und aufgeregten Schnittkaskaden zu schwelgen. Wenn nicht gekämpft wird, ist der Film beherrscht von einer bedächtigen Ruhe, meditativer Sanftheit, die deswegen bewegt, weil sie ihre Figuren nicht zu Staffagen, zu notwendigen Übeln macht, sondern sich Zeit nimmt, ihre Tiefen auszuloten, ihre Motivationen zu hinterfragen. Von diesen bleibt am Ende nicht mehr viel übrig. Wenn Ang Lee die falschen Ideale von Tapferkeit, Bildung und Freundschaft demaskiert hat, bleibt zu aller Überraschung nur noch eines stehen: der Feminismus als liberaler Weg zum Seelenheil. Die Gleichsetzung der Geschlechter zur Lösung zu ernennen, ist wahrscheinlich nicht mehr als ein ironischer Seitenhieb auf die strengen Traditionen Chinas. Vielleicht aber auch das Revolutionärste an diesem Film. 1970-01-01 01:00

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