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The Fog of War

USA 2003. R: Errol Morris. K: Peter Donahue, Robert Chappell. S: Doug Abel, Karen Schmeer, Chyld King. M: Philip Glass. P: SenArt Films, @Radical.Media u.a.
106 Min. Movienet ab 30.9.04

Lehrsatz 2: Vernunft wird uns nicht retten

Von Jutta Klocke Geschichte hinterläßt nicht nur im Antlitz von Gesellschaften ihre Spuren. Schaut man genau hin, kann man sie auch in den Gesichtern derer lesen, die sie erlebt haben, oder, wenn sich die Chance bietet, auch derer, die sie gemacht haben. Errol Morris bekam diese Möglichkeit bei einem Mann, der den wahrscheinlich wichtigsten, vor allem aber den aufwühlendsten Abschnitt der jüngsten US-amerikanischen Geschichte mitgestaltete. Als Secretary of Military Defense unter John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson begann Robert McNamara seine politische Laufbahn inmitten des Kalten Krieges und beendete sie während des Vietnam-Krieges. Inzwischen ist der einstige Stratege alt geworden und, so befand zumindest Morris, an dem Punkt angelangt, die bewegte und vieles bewegende Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Die Collage aus Interview-Szenen und Archivmaterial schafft ein facettenreiches und äußerst fesselndes Porträt nicht nur eines Mannes, sondern auch seiner Ära.

Die zurückliegenden Erfahrungen destilliert McNamara in elf Weisheiten, die Morris als Filmkapitel übernimmt. Die gesammelten Aphorismen – Sätze wie »Sag niemals nie« oder »Glauben und Sehen sind oft falsch« – klingen fast wie väterliche Ratschläge und lassen sich, als Zwischentitel-Einblendung noch von jeglichem Zusammenhang losgelöst, bedenkenlos unterschreiben. Morris und vor allem McNamara selbst rücken sie erst anschließend in ihren jeweiligen Kontext und decken damit ihre teilweise erschreckende, konkrete Bedeutung auf. Zum Beispiel, daß die nüchterne Anweisung »Maximiere deine Wirksamkeit«, auf den Zweiten Weltkrieg übertragen, zum in der Tat effektiven und damit umso grausameren Feuerbombardement auf Tokio 1945 führte, das McNamara als Oberstleutnant mitdelegierte.

Ein solches Wechselbad der Informationen hätte Morris leicht nutzen können, um das vorherrschende Bild des seelenlosen Kriegstreibers zu bestätigen. So leicht macht er es aber sich selbst und dem Zuschauer nicht. Das eingesetzte Archivmaterial entbehrt jeder Effekthascherei und hinterfragt gemeinsam mit den Reflektionen des Zeitzeugen weniger dessen individuelles Verhalten als vielmehr das allgemeine Phänomen des Krieges. Das Motiv der in Zeitlupe fallenden Bomben, unterlegt mit Philip Glass' unheilschwangerer Musik, ist allgegenwärtig und schwebt fast hypnotisch über dem Film. Der Porträtierte selbst bekommt die Zeit, ein eigenes Bild von sich zu präsentieren. Morris bleibt zwar skeptisch, hält sich aber als Kommentator sowohl in der Montage als auch in sprachlichen Einwänden oder Vorwürfen zurück. Statt eine Anklage zu erheben, ist er auf der Suche nach Antworten, die er nicht nur in den Worten McNamaras zu finden hofft, sondern auch in dessen Gesicht. Auf die Aussage, mit dem Feuerbombenangriff auf Tokio wie ein Kriegsverbrecher gehandelt zu haben, folgt eine lange Einstellung auf seine Augen – ein Warten auf eine emotionale Reaktion. Aber McNamara ist Rationalist und ein kühler Analytiker. Den einzigen Gefühlsausdruck kann Morris festhalten, als der Tod John F. Kennedys zur Sprache kommt.

Vielleicht aber gerade weil hinter diesem Kopf ein so klarer, kalkulierender Geist steckt, kommt man der Person McNamara, die kaum jemals nur Privatperson gewesen zu sein scheint, erstaunlich nahe. Der einst als »Mr. I know it all« Betitelte zeigt sich sowohl in der Einschätzung der eigenen Person als auch in der seines Landes überraschend selbstkritisch. Trotz mehrmaligem Sich-aus-der-Affäre-ziehen beeindruckt McNamara durch seine weit- und einsichtigen Äußerungen über die – zum Teil eben auch falsche – Moral des Krieges, über die Anwendung und Ausnutzung von Macht. Und er bezieht sich damit nicht nur auf vergangene Zeiten, sondern auch auf die aktuelle Politik der USA. Hinter der öffentlichen Fassade des »Architekten des Vietnam-Krieges« wird ein moralischer Standpunkt, aber auch Resignation über die sich stetig wiederholende Geschichte sichtbar.

McNamara hat Errol Morris ein leichtes Spiel gemacht. Neben den sorgfältig recherchierten und stimmig montierten historischen Aufnahmen hinterlassen vor allem die Interview-Szenen einen bleibenden Eindruck. In seiner Schilderung der Kubakrise führt der ehemalige Verteidigungsminister die eigene Erschütterung über das Menschenmögliche so eindringlich vor Augen, daß es keine zusätzlichen Bilder braucht, um nicht nur ihn zu verstehen, sondern auch das Ausmaß seiner Erkenntnis, daß es sich bei dem glimpflichen Ausgang allein um eine glückliche Fügung handelte. The Fog of War reicht in seiner Dimension damit weit über ein biographisches Porträt hinaus. Wie Morris nimmt auch der Zuschauer viele unbeantwortet gebliebene Fragen mit sich, ebenso wie viele neue, die er sich erst jetzt stellt. Eine solch fortwirkende Auseinandersetzung mit dem Gesehenen gibt dem sich selbst zurücknehmenden Dokumentaristen recht. In seinem Vertrauen auf die Faszination seines Gegenübers kann er getrost sowohl auf die Polemik eines Michael Moore als auch auf die visuelle oder emotionale Sensationsbefriedigung eines Dokudramas verzichten. 1970-01-01 01:00
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