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Prinzessinnenbad

D 2007. R,B: Bettine Blümner. K: Mathias Schöningh. S: Inge Schneider. P: Reverse Angle.
92 Min. Reverse Angle ab 31.5.07

Ich bin aus Kreuzberg, du Muschi

Von Kyra Scheurer Nicht ganz so markig wie dieser Spruch einer jungen Protagonistin ist Bettina Blümners Porträt dreier Teenies in Kreuzberg – und das ist gut so. Die äußerlich ruppigen Kiez-Prinzessinnen haben immer eine Kippe im Lippenstiftmund und fragen gern mal trockene Sachen wie »Haste die entjungfert?«. Aber Klara, Mina und Tanutscha, die sich z.T. seit dem Kindergarten kennen, sind bei allem Gören-Humor und Pragmatismus angesichts widriger Umstände auch verunsichert, verletzlich und bedürftig. Daß diese sensiblen Seiten der Mädchen deutlich werden können, ohne sie jemals bloßzustellen, ist die größte Leistung des Films.

Aber Prinzessinnenbad ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Stärke, mit der die Mädchen sich gegenseitig durchs Leben helfen, es ist auch eine von Mathias Schöningh kenntnisreich und kreativ fotographierte Hommage an das multikulturelle Kreuzberg jenseits purer Großstadtromantik oder zeigefingerhafter »sozialer Brennpunktstudie«. Wie viele poetisch klingende Orte der Umgebung, die ebenfalls filmtitelgebende Sonnenallee etwa, der Südstern oder die Schönleinstraße, ist auch das Kreuzberger Prinzenbad außerhalb von Herr Lehmann ein stinknormales Freibad, laut, abgeranzt und für Menschen über dreißig eher anstrengend. An diesem szenischen Anker des Films sind die drei Prinzessinnen zuhause, ihr Königreich ein Badelaken, auf dem sich geschminkt, gecremt und enthaart wird, von dem aus Prinzenanwärter im Viertelstundentakt empfangen und verarscht werden.

Ansonsten bietet die alles bestimmende Hochbahn der legendären Linie 1 den optischen und gelegentlich akustischen Leitfaden, an dem entlang die Mädchen durch ihr Leben begleitet werden, unterlegt von türkischer Popmusik und deutschem Frauen-Hip-Hop – nah an Spielfilmdramaturgie und immer auf den Punkt montiert von Inge Schneider, die schon Veiels Spielwütige und die Putzfrauen aus dem Glanz von Berlin den Zuschauern so unaufdringlich wie einprägsam nahebrachte.

In Interviews an ihren Kreuzberger Lieblingsplätzen tauschen sich die Mädchen über Jungs, Drogen, Freundschaft und Lebensperspektiven aus. »Interessiert dich denn garnichts?«, fragt die eher solide Mina ihre Dauerschwänzerfreundin Klara – »vielleicht werde ich Pornostar, vielleicht werde ich Tierpfleger«. Am Küchentisch ihrer Mütter, die alle allein sind, aber eher wenig erziehend, mischen sich die Mädchen meinungsstark ins Gespräch ein, und der Zuschauer kann erleben, daß bei allem Patchwork und befremdlichen Credos wie »ich habe nur zwei Regeln für meine Tochter: kein Heroin und nicht schwanger werden« zuweilen stärkere und authentischere Familienbande vorhanden sind als in jenen Zehlendorfer Bildungsschichten, die über »Zustände« in Stadtteilen wie Kreuzberg oft mitleidig den Kopf schütteln. Wohltuend daher, daß dieser kraftvolle Dokumentarfilm keine belehrende Milieustudie über »Asis« ist, sondern einen facettenreichen Blick auf drei sehr unterschiedliche Mädchen aus sehr vergleichbaren Verhältnissen wirft – eine Erzählhaltung, die gemeinsam mit der gelungenen Bildgestaltung und einer angenehm rhythmischen, aber nicht den Takt vorgebenden Montage dafür verantwortlich ist, daß Prinzessinnenbad auf der letzten Berlinale mit dem Dialogue en Perspective-Preis für innovatives deutsches Kino ausgezeichnet wurde. 1970-01-01 01:00

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