— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Pola X

F 1999. R,B: Léos Carax. B: Jean-Paul Fargeau, Lauren Sedofsky. K: Eric Gautier. S: Nelly Quettier. M: Scott Walker. P: Arena, Pandora. D: Guillaume Depardieu, Yekaterina Golubyova, Catherine Deneuve u.a.
134 Min. Arthaus ab 9.12.99
Von Oliver Baumgarten Léos Carax ist ein ganz armer Poet. So gerne würde ich etwas Nettes über seinen europäischen Kunstschinken schreiben, der sicher ganz schön teuer war und bestimmt sehr viel Mühe gekostet hat. Aber eine solch unerträgliche Anhäufung penetrant blasierter europäischer Kulturarroganz hat die Welt noch nicht gesehen.

Im hochgekrämpelten weißen Leinenhemd bewegt sich sozial freischwebend eine der lächerlichsten Filmfiguren des Jahres durch eine artifizielle Totgeburt. Nervende Künstlerklischees, die nicht einmal Reinecker erschaffen könnte, werden nicht nur für die Charakterisierung der Hauptfigur aus der verstaubtesten Schublade geangelt, sondern auch, um den prätentiösen Plot auszubauen.

So sitzt der aus Leidensfähigkeit und -schaft mit seiner geistähnlichen Schwester getürmte Möchtegern-Autor zitternd im unbeheizten Fabrikhallen-Exil und bringt (natürlich todkrank) Geistvolles zu Papier. Carax ergötzt sich dabei mehrfach an Depardieus Vorstellung von Autorenarbeit: Wirr murmelnd und mit den Armen rudernd wirken diese Interpretationen wie tölpelhafte Karajan-Parodien.

Treffender geraten da schon die ebenfalls in der leerstehenden Fabrik agierenden Avantgarde-Musiker: schwarze Rollkragenpullover, blaß wie die Wand, stets einen Blick im Antlitz, der das Wissen um das Ende der Welt vorgibt. Genau so sind sie, die Kreativen, anders als alle anderen und immer ganz schlimm mißverstanden.

Ein opulentes Märchen der Romantik hat es werden sollen: das Schloß, die Stiefmutter, der Prinz, der Wald, alles ist da. Es fehlt nur an Geist, an Emotion und an Inspiration, um die Elemente zusammenzubringen. Und jetzt werden Bildungsbürgereltern mit Bildungsbürgerkindern alleine im Kino sitzen müssen und bei der geilen Sexszene schreiend rausrennen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #16.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap