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Paradise Now

D/NL/ISR/F 2005. R,B: Hany Abu-Assad. B: Bero Beyer. K: Antoine Héberlé. S: Sander Vos. M: Jina Sumedi. P: Razor Film, Augustus Film u.a. D: Kais Nashif, Ali Hamade, Lubna Azabal, Hiam Abbas.
90 Min. Constantin ab 29.9.05

Das Paradies im Kopf

Von Claudia Hennen Paradise Now vom palästinensischen Filmemacher Hany Abu-Assad galt auf der diesjährigen Berlinale als heimlicher Favorit für den Goldenen Bären. Daß er schließlich keinen der Hauptpreise erhalten hat (wohl aber den Amnesty International Filmpreis und den Blauen Engel für den besten europäischen Film), mag vielleicht auch auf die politische Brisanz des Themas zurückzuführen sein. Er wolle, sagte Hany Abu-Assad bei der Pressekonferenz, palästinensischen Attentätern ein Gesicht geben. Zugespitzt hätte er auch von »menschlichem Antlitz« sprechen können.

Chronologisch dokumentiert der Film die letzten 24 Stunden zweier Selbstmordattentäter aus Nablus im Westjordanland. Die beiden Todeskandidaten Khaled und Said sind jung und sexy, doch ohne berufliche Zukunft. Sie haben lieber »das Paradies im Kopf als in jener Hölle zu leben«, wie Khaled ihr Lebensgefühl einmal eindringlich in Worte faßt. Als ihnen mitgeteilt wird, daß sie zu Märtyrern auserwählt wurden, nehmen sie ihre Mission ohne Zögern an. Sie verbringen die letzte Nacht bei ihrer Familie, treffen am nächsten Morgen die fundamentalistischen Drahtzieher und werden in Sprengstoffgürtel und Anzüge gepackt. Dann geht's los in Richtung Tel Aviv, wo das »Paradies« wartet, doch an der israelischen Grenze läuft die bis ins Detail durchgeplante Aktion plötzlich aus dem Ruder.

Die Stärke des Films besteht in seiner gewagten Tragikomik, in der die Tragödie des palästinensischen Volkes zuweilen in schwarzem Humor aufscheint – etwa in jener Szene, als Said für sein Abschiedsvideo mit Kalaschnikow und Palästinenserschal posiert und dann die Kamera versagt. Oder als Khaled von einem Gemischtwarenhändler erfährt, daß die auf Video aufgezeichneten Beichten von Kollaborateuren einen höheren Marktwert besäßen als die Bekenntnisse der Märtyrer.

Bei alledem fährt Antoine Heberlés Kamera nah an die Gesichter der Protagonisten heran: Zwar erklärt sie nicht die Motivation der Protagonisten, dokumentiert jedoch in Naheinstellungen und Großaufnahmen ihr Zittern, Schwitzen und Zweifeln im Angesicht des Todes. Bedauerlich, daß dieser Film, eine israelisch-deutsch-französisch-holländische Koproduktion, nicht in Nablus selbst gezeigt werden kann – wie in den meisten Städten der palästinensischen Gebiete gibt es dort kein Kino. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #38.
© 2012, Schnitt Online

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