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DK 2002. R: Jesper W. Nielsen. B: Kim Fupz Aakeson. K: Erik Zappon. S: Morten Giese. M: Halfdan E., Jesper Winge Leisner, Nikolaj Steen. P: Angel Films, Bech Film. D: Paprika Steen, Troels Lyby, Ole Ernst, Nikolaj Kopernikus, Molly Blixt Egelind u.a.
93 Min. Alamode ab 7.8.03

Dänen man nicht vergibt

Von Dietrich Brüggemann Die Dänen, die Dänen. Da schicken sie seit Jahren Filme in die Welt hinaus, in denen ganz simple, fast banale zwischenmenschliche Konflikte für großes Drama sorgen, und stets sind diese Filme meisterhaft gemacht, kriegen Preise zuhauf, werden von Fans in aller Welt geschätzt. Selbst dänische Studentenfilme sind eine Klasse für sich. Und dabei gibt es in Dänemark deutlich weniger Menschen als beispielsweise in Hessen. Wo nehmen die das alles her?

Natürlich unter anderem aus einer langen Tradition, die hier nicht schon wieder heruntergebetet werden muß. Und davon abgesehen ist man bei dieser geradezu gespenstischen Produktivität ganz erleichtert, wenn ein Film aus Dänemark zur Abwechslung mal kein einsames Meisterwerk ist, sondern, wie der Titel schon sagt, okay.

Es beginnt mit einem vertrauten Gesicht. Paprika Steen, bekannt aus den ersten Dogma-Filmen, Festen, Idioterne, zuletzt zu sehen in Dancer in the Dark und Open Hearts, spielt Nete, eine patente Frau Mitte Dreißig. Sie schmeißt den Haushalt, ackert als Sozialarbeiterin, hat eine pubertierende Tochter und einen erfolglos schriftstellernden Ehemann – Alltag, irgendwo zwischen schön und schrecklich, so wie wir alle ihn haben. Doch dann taucht ihr alter Vater auf, ein starrsinniger, rauchender, hustender Greis, dem die Ärzte noch drei Wochen zu leben geben. Sie nimmt ihn bei sich auf. Und hier fangen die Probleme an, denn der Alte denkt auch nach zwei Monaten keineswegs ans Sterben.

Was sich am Anfang wie eine nette, nicht übermäßig dramatische, aber durchaus erzählenswerte, menschliche Geschichte anhört, entwickelt sich im Lauf des Films genauso weiter. Der Alte sorgt für Wirbel, der Mann will sein Arbeitszimmer nicht hergeben, die Tochter rebelliert gegen ihre Zahnspange, der Bruder, der seit seinem schwulen Coming-out vor acht Jahren nicht mehr mit dem Vater gesprochen hat, versucht eine Annäherung, wird aber zunächst mal von einem Lesbenpärchen als Samenspender zweckentfremdet, und der Ehemann geht mit einer Studentin fremd.

Das ist alles ganz hübsch anzusehen, und man kommt erst nach einer Weile dahinter, daß hier eigentlich stets nur ein Klischee ins andere greift. Zwar spielt sich alles ein oder zwei Etagen höher ab als bei der vielgescholtenen deutschen Beziehungskomödie, doch das Prinzip ist das gleiche. Die resolute Frau, der aufmüpfige Teenager, der saft- und kraftlose Teddybär-Mann, ganz zu schweigen von der Schwulen- und Lesbenconnection: Es sind Versatzstücke, die sich stets aufs Neue wiederholen. Man kennt es. Und zwar nicht aus dem Leben, sondern aus anderen Filmen – dänischen Filmen, um genau zu sein. Das wäre nicht so schlimm, unangenehm wird es erst durch den Realismus, den der Film selbst behauptet.

Denn wer selbst einmal einen Angehörigen aus der Großelterngeneration im Haus hatte und erlebt hat, was dann so alles passieren kann, der weiß, daß die Dinge in Wirklichkeit erstens weniger plakativ und zweitens viel absurder sein können. Können, nicht müssen – aber was hier im Film passiert, ist nicht Leben, sondern erprobtes Drehbuchhandwerk ohne eine einzige wirklich neue Idee, dafür mit einigen lustigen Stellen und viel wohlwollendem Geplätscher. Nicht schlecht, durchaus okay – aber im Zweifelsfall will ich die anderthalb Stunden lieber selber leben. 1970-01-01 01:00

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