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Monsoon Wedding

IND 2001. R: Mira Nair. B: Sabrina Dhawan. K: Declan Quinn. S: Allyson C. Johnson. M: Mychael Danna. P: Delhi Dot Com. D: Naseeruddin Shah, Lillete Dubey, Shefali Shetty, Roshan Seth u.a.
116 Min. Prokino ab 18.4.02
Von Frank Brenner Hochzeiten bieten den idealen Hintergrund für prachtvoll ausgestattete und von Handlungssträngen überbordende Schauspielerfilme. Von Klassikern wie Father of the Bride über Robert Altmans genialen Ensemblefilm A Wedding bis hin zu modernen Publikumserfolgen wie Four Weddings and a Funeral reicht hier die Palette.

Mira Nair hat mit ihrem in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten Film die indische Variante all dessen und mehr gedreht. Monsoon Wedding beginnt bereits mit einem an Saul Bass' Werke erinnernden Titeldesign, das auf jene gewohnt schlichte, aber effektive Weise in Kombination mit der eingehenden indischen Festmusik das Tempo und den Rhythmus für die kommenden zwei Stunden prägt.

Die Haupthandlung des Films kreist um eine von den Familien arrangierte Vermählung in Neu-Delhi. Wie im Remake des Father of the Bride-Films gibt es auch hier einen cholerischen Hochzeitsorganisator, den der talentierte Vijay Raaz zunächst als überzogene Karikatur spielt, bei jeder Gelegenheit die Ringelblumen der verschiedenen Dekorationen essend. So bestimmt denn auch das Chaos die erste Filmstunde, Charakter- und Situationskomik vermischen sich auf liebenswerte Weise.

Die Ankunft der Familienmitglieder und die parallel laufende Hektik der Hochzeitsvorbereitungen fängt Kameramann Declan Quinn mit grobkörnigen, verwackelten Homevideo-Bildern ein, bei denen auch schon mal dilettantisch herumgezoomt wird. Dies erinnert weniger an die Filme der Dogmatiker als an tatsächliche ambitionierte, doch wenig erfolgreiche Versuche mit der ersten Digitalkamera.

Damit erzeugen Quinn und Regisseurin Mira Nair eine vertraute Nähe zu den Protagonisten, die einen schon bald an vergleichbare Ereignisse in der eigenen Familie zurückdenken läßt. Diese Intimität wird noch gesteigert, indem überdurchschnittlich oft Großaufnahmen von Gesichtern eingesetzt werden. Bei Hochzeiten werden natürlich jede Menge Emotionen freigesetzt, erst recht, wenn es sich um von Eltern geplante Zwangsheiraten handelt.

So entwickelt sich Nairs Film in der zweiten Hälfte zusehends zu einer Charakterstudie, in der den unterschiedlichen Gefühlszuständen der Familienmitglieder immer mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Der bereits erwähnte Hochzeitsorganisator, dessen eigenes Gefühlsleben beim ständigen Ausrichten von Festen anderer Menschen stets zu kurz kam, bildet mit seiner Geschichte einen der vielen interessanten und detailliert geschilderten Nebenhandlungsstränge von Monsoon Wedding.

Eingeflochten in dieses Kaleidoskop aus Geschichten, die liebevoll gezeichnet und auf faszinierende Weise gespielt werden, sind eine ganze Reihe traditioneller indischer Hochzeitsrituale. So bekommt der Zuschauer zu den Unterhaltungsqualitäten des Films auch Anschauungsunterricht in einer fremden Kultur, die allein schon durch ihre lebensfrohe und ausdrucksstarke Musik für sich einnimmt. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #26.
© 2012, Schnitt Online

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