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Der menschliche Makel

The Human Stain. USA 2003. R: Robert Benton. B: Nicholas Meyer. K: Jean-Yves Escoffier. S: Christopher Tellefsen. M: Rachel Portman. P: Lakeshore Entertainement, Miramax u.a. D: Anthony Hopkins, Nicole Kidman, Ed Harris, Gary Sinise u.a.
106 Min. Concorde ab 18.12.03

Best-of-Album

Von Daniel Bickermann Allem Anschein nach sollte Der menschliche Makel einmal ein Oscaranwärter werden. Wenn man genau hinschaut, ist etwas anderes daraus geworden. Untersuchen wir doch mal die Versatzstücke einmal genauer: ein internationaler Bestseller als Vorlage, viele schon preisgekrönter Schauspieler, davon mindestens fünf hochdramatische Hauptrollen, eine malerische Landschaft im Norden der USA, Rückblenden in die geschniegelten 50er, dazu mehrere unerfüllte Lieben, Lebenslügen, Familiendramen, Traumata und Einsamkeit – Miramax hat seinen eigenen Best-of-Film gedreht!

Das mag ein wenig schnippisch klingen, aber man kommt um den Gedanken wirklich nicht herum, daß diese Produktionsfirma ihren ästhetischen Code inzwischen soweit perfektioniert hat, daß er nicht nur sofort erkennbar und reproduzierbar ist, sondern sich und seine Wirkung inzwischen auch selbst ad absurdum geführt hat.

Doch das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich diese Produktion herumschlägt. Der Roman des großen amerikanischen Gesellschaftskommentatoren und Erotomanen Philip Roth ist einfach zu kantig, als daß die Miramax-Maschine ihn ganz hätte schlucken und vereinnahmen können. Die passende Analogie wäre eine Schlange, die einen Rubix-Würfel heruntergewürgt hat und nun unter röchelnden Schmerzen, aber sehr stolz, damit herumposiert.

Technisch ist dieser Film, darüber konnte man bei Miramax noch nie klagen, wieder einmal ohne jeden Makel. (Wollte man den Titelwitz zu weit treiben, könnte man anmerken: aber eben auch ohne alles Menschliche.) Die Landschaftstableaus sind beeindruckend, die intimen Momente fein und still, die nächtlichen Gewalttätigkeiten verwackelt und verstörend. Doch beim Casting ist einiges schief gelaufen. Es wäre irreführend, bei Hopkins und Kidman von Fehlbesetzungen zu sprechen – beide spielen die Gefühle der Charaktere mit beeindruckender Bandbreite und Dezenz. Nur leider erfüllen beide fundamentale äußerliche Merkmale ihrer Rollen nicht. Denn bedauerlicherweise hatte irgendein vermutlich schwer trunksüchtiger Casting Director übersehen, daß man dem steifen Waliser Hopkins nicht mal in der Synchronisation abnehmen würde, er wäre ein jüdischer, boxender, hellhäutiger Schwarzer aus New Jersey. Und der blinde Autist, dem bei Roths Beschreibung einer häßlichen, verbrauchten, aber sexuell gierigen Putzfrau spontan Nicole Kidman einfiel, der gehört auch mal so richtig gekielholt. Selten hat man einen Star gesehen, der so sehr gegen den angeborenen Glamour angekämpft und so hoffnungslos dagegen verloren hat wie die bemitleidenswerte Kidman in dieser Produktion. So bleibt die Rolle des beeindruckendsten Schauspielers auch dieses Mal wieder an Ed Harris hängen, der als psychopathischer Kriegsveteran, Einzelgänger und Eisfischer den einzigen Teil des Films darstellt, der nicht nach wenigen Stunden aus dem Gedächtnis verdunstet ist.

Der Rest ist eine hübsch bebilderte Sightseeing-Tour durch die berühmtesten Stellen des Romans, ohne Auswahl oder Dramaturgie und ohne erzählerisches Zentrum. Eine Aneinanderreihung hochdramatischer Episoden und Charaktere ohne narrativen Zusammenhang, die zwar alle für sich nicht uninteressant, aber eben weder neu sind noch ein filmisches Ganzes ergeben. Wie ein Best-of-Album eben. 1970-01-01 01:00
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