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Madeinusa

E 2005. R,B: Claudia Llosa. K: Raul Perez Ureta. S: Ernest Blasi. M: Simon Boswell. P: Oberon, Cinematografica, Wanda Vision, Vela Producciones. D: Magaly Solier, Carlos De la Torre u.a.
100 Min. Kairos ab 9.11.06

Gott ist tot! Hicks!

Von Sebastian Gosmann Beobachtet man die Bewohner des kleinen peruanischen Bergdörfchens Manayaycuna mal etwas genauer dabei, wie sie das Osterfest oder besser: die Zeit von Karfreitag bis Ostersonntag (und somit die temporäre Abwesenheit Christi) eifrig dazu nutzen, Unmengen an Alkohol in sich hineinzuschütten, zu tanzen und zu singen bis der Arzt kommt, und fröhlich Partnertausch zu betreiben, so fühlt man sich plötzlich gar nicht mehr so weit weg von zu Hause. Das einzig befremdliche Element für den gemeinen Kölner Karnevalisten dürfte der eigentümliche religiöse Rahmen sein, in den das Treiben in den Anden feierlich eingefaßt wird. Und dennoch: Hier wie dort wird für eine kurze Zeit das Tier im Menschen freigelassen und darf in der Gegend herumstreunen, ohne Gefahr zu laufen, zuhause das Nudelholz über die Rübe gezogen zu bekommen.

Es ist, als durchbreche der menschliche Urtrieb die der indigenen Bevölkerung Südamerikas vor Jahrhunderten ungefragt übergestülpte Hülle aus bürgerlichem Anstand und christlicher Moral. Alle Jahre wieder frönt man diesem Brauch, auf daß das friedliche Zusammenleben fürs kommende Jahr gesichert sein möge.

Das Tolle daran ist: Stimmt alles gar nicht. Zumindest, was die peruanische Version dieses rauschhaften Festes angeht. Alles eigens für den Film erdacht von Regisseurin Claudia Llosa. Und weil diese Kopfgeburt anscheinend eine ziemlich fruchtbare war, wird sie eben auch entsprechend reichlich bebildert, ja derart detailliert geschildert, daß Zweifel an der Existenz eines solchen Rituals überhaupt nicht aufkommen. Hie und da darf sich dabei gar Komisches ereignen. Wenn etwa eine Horde Volltrunkener eine dummerweise unmittelbar vor dem Feste verstorbene Frau unter die Erde bringen will, so läßt deren Vorgehensweise die dem Anlaß angemessene Ernsthaftigkeit doch arg vermissen.

So gelungen Llosas Erstlingswerk in dieser Hinsicht auch sein mag, so fehlt es bei der Darstellung der beiden Liebenden an Überzeugungskraft. Denn so ohne weiteres will man eine wahrhaftige Zuneigung zwischen dem aufgeklärten Städter und dem naiven Mädchen aus den Anden nicht abnicken. Zu fremd bleiben sie sich, zu viel bleibt unausgesprochen. So scheint Salvadors Entscheidung, die seltsame Madeinusa letztlich doch mit nach Lima zu nehmen, eher einem angesichts der erdrückenden Enge ihres Elternhauses (inzestuöser Vater, eifersüchtige Schwester, tabuisierter Fortgang der Mutter) aufkeimenden Mitleidsgefühl geschuldet zu sein, als einer etwaigen Vorfreude auf ungestörte Zweisamkeit. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
© 2012, Schnitt Online

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