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Kung Fu Hustle

Gong Fu. RC/HK 2004. R,B: Stephen Chow. B: Tsang Kan-cheong, Lola Huo, Chan Man-keung. K: Poon Hang-seng. S: Angie Lam. M: Raymond Wong. P: Star Overseas. D: Stephen Chow, Yuen Wah, Yuen Qiu, Leung Siu-lung, Dong Zhihua u.a.
99 Min. Sony ab 2.6.05

Chopsocky-Looney Tunes

Von René Wynands Action Kino aus Hongkong hat sich nie darum geschert, wie westliche Filmkritiker einen »guten« Film definieren. In Hongkong war Film schon immer Pop statt Kunst. Gelang es, das Publikum zu überraschen, dann war es ein guter Film. Und da diese billig produziert wurden, war dem Experiment keine Grenze gesetzt.

Es galt, die Formel für den nächsten großen Hit zu finden – eine Idee zu realisieren, die der Konkurrenz voraus war und das Interesse des Publikums zu fesseln vermochte. Das dadurch entfachte Wettrüsten führte zu immer extremeren Filmen. Die überdrehte Komik, die furiose Action und grandiose Akrobatik, aber auch die absurden, gehetzten Storys, das unglaubliche Overacting und die Gewaltdarstellung wurden bis an die Grenze des Erträglichen ausgereizt.

Und nun kommt Kung Fu Hustle und setzt noch einen drauf! Wie ein Taifun fegte Gong Fu (Originaltitel) über den asiatischen Kontinent und wehte – zumindest in kommerzieller Hinsicht – alle Filme beiseite, die je in Hongkong gedreht wurden. Auch bei den 24. Hong Kong Film Awards sorgte er (neben 2046) für Wirbel und strich sechs Preise ein – u.a. den als bester Film.

Bereits mit Shaolin Soccer (der in Deutschland via Miramax in einer gekürzten und gedubbten Fassung zu sehen war) hat Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Stephen Chow seine Definition einer postmodernen Martial-Arts-Komödie geliefert. Fußend auf dem von Jackie Chan und Sammo Hung in den 80er Jahren entwickelten Konzept, virtuose Akrobatik mit Slapstick-Anarchie zu koppeln, geht Chow den beherzten Schritt in das von Kill Bill und Matrix bereitete Feld des »Anything goes«.

So sehen wir in Kung Fu Hustle z.B. eine Szene, in der Gangster unerwartet eine Tanz-Choreographie aufführen und anschließend eine junge Frau kaltblütig töten. Wir sehen eine grießgrämige Vermieterin (Yuen Qiu, die in den 60ern mal ein Bond-Girl war), die ihren Mann im Stile eines Bugs Bunny-Comics durch die Gassen eines Slums jagt und ihn schließlich aus dem obersten Stockwerk eines Hauses auf den Straßenasphalt wirft – was ihm allerdings nur ein frustriertes Stöhnen abringt. Oder wir sehen einen korpulenten, schwulen Schneider, der sich ohne Vorwarnung als muskelbepackter Kung Fu-Meister entpuppt und gegen Geister-Geschosse kämpft, die zwei glatzköpfige Killer mittels ihrer Saiteninstrumente abgefeuert haben.

Die Kuriositäten-Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, bis hin zum finalen Kampf von Chow gegen das »Beast« (in Gummischlappen), der Neos Kampf gegen den multiplen Mr. Smith so blaß aussehen läßt wie eine ungelenke John Wayne-Saloon-Schlägerei. Stephen Chow schert sich nämlich keinen Deut um realistische CG-Effekte. Im Gegenteil: Seine CG-verstärkten Kicks, Punches und Flips sind so übertrieben, daß sie in Anarchie und Absurdität einem Looney Tunes-Comic ähneln. Doch obwohl die Action nichts mehr mit der Realität zu tun hat, ist sie kunstvoll choreographiert und birst geradezu vor atemberaubender Dynamik. Ein Werk von zwei Altmeistern des Genres: Sammo Hung und Yuen Woo-ping (der übrigens einen lustigen Cameo-Auftritt als Bettler hat, der dem jungen Chow eine Kung Fu-Fiebel andreht).

Das ist bezeichnend für Kung Fu Hustle, denn obwohl der Film so anarchistisch wirkt, ist er sorfältig und präzise entwickelt und sehr überzeugend erzählt (womit Shaolin Soccer noch etwas Probleme hatte). Das Beste aber ist, daß die absurd-albernen Gags vollkommen Langnasen-kompatibel sind. Vor allem Asia-Film-Enthusiasten werden sich über die permanente Persiflage auf alte Shaw-Brothers-Filme köstlich amüsieren können. Auch Bruce Lee – Stephen Chows großes Idol – wird häufig und gerne zitiert, z.B. wenn Yuen Qiu (mit Lockenwicklern auf dem Kopf), den Gansterboß in typischer Lee-Rhetorik und Mimik fertig macht.

Kung Fu Hustle ist ein wilder und verrückter Ausflug nach Chopsocky-Looney-Tunes-Land. Ein Par-force-Ritt durch die Sphären filmischer Anarchie und Regellosigkeit. Stephen Chow hat die Spitze des Wettrüstens eingenommen – und er wird sich lange dort halten. 1970-01-01 01:00

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