— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Kontroll

H 2003. R,B: Nimrod Antal. K: Gyula Pados. S: István Király. M: NEO. P: Cafe Film, Bonfire. D: Sándor Csányi, Zoltán Mucsi, Csaba Pindroch u.a.
110 Min. Tiberius ab 10.2.05

Subway Reloaded

Von Sascha Seiler Genrediskussionen sollte man über diesen Film aus Ungarn nicht unbedingt führen. Horror, Thriller, Psychostudie, Liebesfilm, Komödie oder Sozialdrama? Alles drin in Kontroll, der mit Genremustern jongliert wie selten ein Film vor ihm. Jedoch: Kommen bei solch einer analytischen Reizüberflutung tatsächlich auch Bilder und Geschichten zustande, die des Erinnerns Wert wären? Schwierig zu beantworten, aber faszinierend anzuschauen, auch wenn die Untergrabung der Zuschauererwartungen weniger gezielt eingesetzt wird, als man das denken könnte: Wer der Mörder ist, vermutet man bereits nach zwei Minuten, spätestens aber nach der allzu offensichtlichen Sequenz des Freudschen Traums nach der Hälfte des Films.

Damit der Zuschauer allerdings das Treiben in der labyrinthischen U-Bahn mitsamt seinen ganz üblen White-Trash-Kontrolleuren, den alkoholisierten Fahrern sowie dem Schmutz und nicht zuletzt der ständig herrschenden Lebensgefahr nicht allzu wörtlich interpretiert, setzt Regisseur Nimrod Antal seinem Film einen leicht humoristischen Prolog voran, indem einer seiner Kumpel erklärt, daß: erstens alles fiktiv und erfunden ist und – das ist wichtig – zweitens sich eh die ganze Geschichte auf einer symbolischen Ebene bewegt. Man traut dem Zuschauer somit nicht zu, diese doch recht populären Codes zu entschlüsseln und sich der wahren Intention des Auteurs anzunähern, ohne dem Deppen am Anfang zuzuhören. Dabei muß man sich schon vor Augen führen: David Lynch ist das hier nicht, trotz Frauen im Bärenkostüm und flackernden Lichtern.

Das soll nun nicht heißen, daß Kontroll ein schlechter Film geworden ist, ganz im Gegenteil. Trotz seiner – formuliert man es positiv – genreübergreifenden Erzählstruktur kann man sich einer gewissen Spannung und Faszination nicht entziehen. Gerade die Sequenzen, in denen der Protagonist durch die dunklen Schächte rennt, mal um einer dubiosen Freizeitbeschäftigung namens »railing« nachzugehen, mal um vor dem Mörder bzw. seinem Über-Ich zu fliehen. Auch die Spannung um jenen geheimnisvollen Kapuzenmörder (dessen Identität, wie gesagt, schon so offensichtlich ist, daß man am Ende des Films gar nicht mehr daran glaubt) bleibt bestehen, taucht er doch stets aus dem Nichts auf und verschwindet genauso schnell in der Dunkelheit und Anonymität des unterirdischen Netzwerks.

Träume, in denen man in einen engen Tunnel, dem Mutterleib nicht unähnlich, kriecht, an deren Ende man aber nur sich selbst findet, sein eigenes Gesicht im verschobenen Kontext wahrnimmt; die ganze U-Bahn nicht als die kriminelle Unterwelt zu deuten, als die sie am Anfang des Films verkauft wird, sondern wiederum als Mutterleib, in den man zurückkriecht – all das möchte die »symbolische« Ebene des Films vermitteln. Weniger sieht man sich hier mit dem Schicksal eines Schizophrenen konfrontiert (keine Symbole, keine Allegorie), sondern mit dem Konflikt in sich selbst, der, man ahnt es schon, nur durch die Liebe gelöst werden kann, nach deren Erfüllung ein Leben im Licht steht. Ein ödipaler Konflikt, sicherlich, aber ein solcher, wie ihn Lacan beschrieben hat: Das Kind kann aus diesem Konflikt nur entkommen, wenn es die Grundfunktionen der Sprache, die Metonymie und die Metapher, zu deuten versteht. Erst dann darf es sich als in der Sprache, sprich: im Begehren fühlen. Als der Protagonist die Metapher der U-Bahn und die metonymische Aufschlüsselung der Morde versteht, findet er sich im Begehren wieder. So interpretiert: Ein phantastischer Film, denn der Regisseur beweist, daß auch er bereit war, die Funktionen der Sprachen anzunehmen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap