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Kleine Mißgeschicke

Små ulykker. DK 2001. R: Annette K. Olesen. B: Kim Fupz Aakeson. K: Morten Søborg. S: Nicolaj Monberg. M: Jeppe Kaas. P: Zentropa. D: Jorgen Kiil, Maria Würgler Rich, Jannie Faurschou, Henrik Prik, Jesper Christensen, Karen-Lise Mynster u.a.
109 Min. Senator ab 26.9.02

Zuversichtlicheres Dogma

Von Jutta Klocke Die Familie, scheint es, stellt für die Dänen ein äußerst kinotaugliches Thema dar. Das Beispiel, das am meisten Aufsehen erregte, mag wohl immer noch Thomas Vinterbergs Festen sein. Weitaus unspektakulärer präsentiert sich das Kinodebüt seiner Kollegin Annette K. Olesen, Kleine Mißgeschicke.

Zwar rückt der Film aus verschiedenen Gründen in die Nähe der Dogma-Gruppe. Produziert wurde er von Lars von Triers »Zentropa Entertainment«, gedreht wurde er mit der Handkamera, und auch sonst erfüllt er über weite Strecken die eine oder andere Regel des Manifests. Dennoch verschreibt sich Olesen nicht sklavisch den Dogma-Beschränkungen und bleibt somit auch formal der Grundidee ihres Films treu. Denn wie der Titel bereits andeutet, geht es nicht um Außergewöhnliches, vielmehr um Alltägliches, allzu Menschliches. Die Lust der Dogmatiker am Skandal – sei er nun inhaltlicher Natur wie die Enthüllung des väterlichen Mißbrauchs in Festen oder wirkungsorientiert wie in von Triers Idioterne – teilt Olesen nicht. Kleine Mißgeschicke verweigert sich dem Skandalösen sogar derart, daß der Film den Verdacht des Inzests zwischen Vater und Tochter zwar bei den Figuren und wohl auch bei dem einen oder anderen Zuschauer aufkommen läßt, ihn jedoch als völlig unbegründete Fehlinterpretation umdeutet. Eine solche Absage an das Spektakuläre macht Olesens Arbeit trotzdem keineswegs sehensunwürdiger.

Zugegeben, die Protagonisten, die einzelnen Familienmitglieder, die lernen müssen, mit dem Unfalltod der Mutter und so manch anderem Problem fertigzuwerden, sind nicht besonders vielschichtig angelegt. Jeder von ihnen plagt sich mit einer auf seinen Charakter zugeschnittenen Krise herum, die allesamt keineswegs neu sind: Das schüchterne Nesthäkchen versucht, in einem Leben außerhalb des familiären Schutzwalls zurechtzukommen. Der Sohn bemüht sich verzweifelt, Karriere und Familie miteinander zu vereinen. Der Onkel resigniert über seiner Arbeitsunfähigkeit und treibt seine Frau damit in eine Affäre. Die Gewöhnlichkeit solcher Probleme mag sie in mancher Augen banal wirken lassen, die Figuren erscheinen durch sie jedoch umso authentischer.

Das unprätentiöse Spiel der Darsteller erzeugt eine Direktheit, die meist ohne emotionalisierende Musikunterlegung auskommt, um den Zuschauer an den einzelnen Schicksalen teilhaben zu lassen. Und dadurch, daß die am Ende angebotenen Lösungen im realistischen, also glaubwürdigen Rahmen bleiben, verläßt man den Kinosaal mit einem guten Gefühl: Die Wunden der Protagonisten sind noch längst nicht vollends geheilt, die Probleme nicht annähernd gelöst, so wie es auch im richtigen Leben kein pauschales Happy End gibt. Aber der Blick in die Zukunft ist zuversichtlich. 1970-01-01 01:00
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