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Die Kinder sind tot

D 2003. R,B: Aelrun Goette. K: Bernd Meiners. S: Andreas Zitzmann. P: zero film. M: Martin Todsharow.
80 Min. Ventura Film ab 11.3.04

Ohne Kommentar

Von Frank Brenner Daniela Jesse wurde im Jahr 2000 zu lebenslanger Haft wegen zweifachen Totschlages ihrer zwei- und dreijährigen Söhne verurteilt. Die damals 23jährige Mutter (von insgesamt vier Kindern vier verschiedener Väter, von denen keiner seinen Vaterpflichten nachgekommen war) hatte im Hochsommer des Vorjahres die beiden Jungen vierzehn Tage in der Wohnung allein gelassen, wo sie jämmerlich verdurstet sind.

Diese Tragödie, die sich in einer Plattenbausiedlung in Neuberesinchen am Rande von Frankfurt an der Oder abspielte, erschütterte damals die gesamte Bevölkerung. Es wurden gar Stimmen laut, die Todesstrafe für diese »Rabenmutter« wieder einzuführen, und alle waren sich der alleinigen Schuld Danielas sicher.

Die Filmemacherin Aelrun Goette hat sich mit ihrem eindringlichen Dokumentarfilm das Ziel gesetzt, die Tat und was zu ihr führte, genauer unter die Lupe zu nehmen. Nach einer kurzen Einführung, in der Nachbarn, ehemalige Freundinnen und der damalige Bestattungsunternehmer der beiden Kinder zu Wort kommen, konzentriert sich Goette zunehmend auf die Verurteilte selbst, die sie in der Justizvollzugsanstalt interviewte, sowie auf deren Mutter, die das Geschehen aus ihrer Sicht schildert.

Naheliegende Antworten auf noch immer nicht geklärte Fragen sucht man in Goettes Werk vergeblich. Sie schlägt den einzig richtigen Weg ein, indem sie das Gesagte nahezu kommentarlos für sich stehen läßt und es den Zuschauern überläßt, sich eine Meinung zu bilden. Dabei wird jedoch schnell deutlich, daß man mit einseitigen Schuldzuweisungen zwar flugs bei der Hand ist, der komplexen Tragödie aber so in keiner Weise gerecht werden kann.

Tagelang in der Wohnung um Hilfe schreiende und mit Löffeln an die Scheiben klopfende Kinder wurden von den zahlreichen Nachbarn ebenso ignoriert, wie den gleichen Leuten ein Sprechen über den Vorfall auch Jahre danach nicht zu entlocken ist. Aber vor allem der Großmutter der Kinder ist eine Teilschuld nach ihren Aussagen in diesem Film kaum mehr abzusprechen.

Goettes Anspruch geht über die Schilderung dieser individuellen Tragödie hinaus. Sie zeigt uns eine gleichgültige, anonymisierte Gesellschaft auf, in der kein Miteinander, sondern nur noch ein Nebeneinander existiert, das sich nicht nur an den Bewohnern riesiger Mietshausanlagen festmachen läßt, sondern sich sogar bis in einzelne Familien hinein erstreckt. Ein aufrüttelndes Dokument über eine viel zu oft verdrängte sozial benachteiligte Schicht unserer Gesellschaft. 1970-01-01 01:00
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