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Die Invasion der Barbaren

Les invasions barbares. CDN/F 2003. R,B: Denys Arcand. K: Georges Dufaux. S: Isabelle Dedieu. M: Pierre Aviat. P: Cinémaginaire, Pyramide Prod. D: Rémy Girard, Stéphane Rousseau, Marie-Josée Croze, Marina Hands u.a.
99 Min. Prokino ab 27.11.03

Das Ende der Geschichte

Von Jutta Klocke Den Untergang des amerikanischen Imperiums hat Denys Arcand schon vor 16 Jahren heraufbeschworen. Neben gesellschaftlichen Feinheiten diskutierte das illustre Akademiker-Grüppchen damals aber vor allem über Sex. Heute sind die Historiker-Freunde gesetzter geworden – und im Falle des Professors und Lebemanns Rémy dem Krebstod geweiht. Die alten Gesinnungsgenossen wie auch der fast verlorene Sohn Sébastien versammeln sich um das Sterbebett im kanadischen Krankenhaus – die einen, um in bester The Big Chill-Manier über das gelebte Leben zu schwadronieren, der andere, um zu handeln.

Wortlastig ist also auch die inoffizielle Fortsetzung von Le déclin de l'empire américain des Dialog- und Ensemble-Liebhabers Arcand. Interessant wird der Film aber gerade dann, wenn er die plaudernde Runde verläßt und den Blick auf Rémy und Sébastien verengt.

Dabei überschreitet Die Invasion der Barbaren den engen Rahmen des Familiendramas, indem die Figuren immer wieder in Beziehung zur äußeren Welt gesetzt werden, deren prophezeiter Verfall längst begonnen hat. Rémy erregt weniger Mitleid durch das nahende Ende als vielmehr aufgrund der späten Erkenntnis, daß das eigene Weltbild von den tatsächlichen Umständen überholt wurde. Die einst so klaren Feindbilder verschwimmen allmählich, den Barbaren fehlt das eindeutige Gesicht. Der Kapitalismus, bisher als die größte Geißel der Zivilisation erachtet, wird nun selbst zum Opfer und für den Sterbenden gleichzeitig zum Retter.

Die zynische Perspektive, aus der Rémys Läuterung mit dem Bröckeln der westlichen Zivilisation verbunden wird, läßt vermuten, daß Monsieur Arcands eigene Position gegenüber dem Lauf der Dinge gar nicht so weit entfernt ist von der des Protagonisten. Das dringt vor allem in jenen Momenten durch, in denen der Konflikt des einzelnen wie des gesamten Zeitalters nicht von den Figuren zerredet wird, sondern Bild- und Tonebene einen eigenständigen Kommentar bilden. Zum Beispiel, wenn das verhaßte Nachbarland zum Ort der Verheißung wird und eine ironische Yankee Doodle Dandy-Melodie die Fahrt über die Landesgrenze begleitet. Die Musik wie das begeisterte »Willkommen in Amerika« auf der anderen Seite hinterlassen neben ihrer Lächerlichkeit einen schalen Nachgeschmack. Immerhin besiegeln sie im Kleinen Rémys Verrat an seinen Werten. Im Großen entfalten diese rein akustischen Mittel in ihrer Gegenüberstellung zu den an anderer Stelle eingeschnittenen Fernsehbildern vom 11. September fast schon wieder eine tragische Wirkung.

So deutlich hier aber auch ein Standpunkt formuliert wird, so unarrogant und versöhnlich bleibt der Film in seiner Aussage. Statt Kritik, die mit erhobenem Zeigefinger auf die Fehler der anderen weist, wird hier gerade die Unmöglichkeit der schnellen Problemlösung vorgeführt. Dafür ist das Einzelne zu sehr mit dem Ganzen verstrickt. Tröstlich – und dies durch das Trio Girard, Rousseau und Croze auch überaus glaubhaft – bleibt in barbarischen Zeiten nur die Versöhnung im Kleinen und der Friedensschluß wenigstens mit dem eigenen Leben. 1970-01-01 01:00

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