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Inside Deep Throat

USA 2004. R,B: Fenton Bailey, Randy Barbato. K: David Kempner, Teodoro Maniaci. S: William Grayburn, Jeremy Simmons. M: David Benjamin Steinberg. P: Brian Grazer.
90 Min. Constantin ab 11.8.05

Der Fall Fellatio

Von Cornelis Hähnel »You've gotta have rain to have a rainbow, you've gotta have dick to have a dick in your mouth«, sang das New Yorker Duo The Moldy Peaches 2002 auf ihrer Rainbows EP. Genau dreißig Jahre zuvor sorgte ein Penis in dem Mund eines bis dahin unbekannten jungen Mädchens namens Linda Lovelace in den USA für mächtig Wirbel. Ihr besonderes »Talent« verhalf dem pornographischen Spielfilm Deep Throat zu sensationellem Erfolg: Gedreht mit einem Budget von 25.000 Dollar spielte er weltweit 600 Millionen Dollar ein und ist somit eine der erfolgreichsten Independent-Produktionen aller Zeiten. Doch Deep Throat war mehr als ein Kassenschlager. Er wurde zu einem Symbol des Sittenverfalls, einem kulturellen Phänomen der sexuellen Befreiung und zu einem Präzedenzfall der politischen Zensur. Und die Nachwirkungen dauern bis heute an.

Als der ehemalige Frisör Gerard Damiano seinen Föhn gegen die Kamera tauschte, schien die amerikanische Gesellschaft an der Schwelle zu einer sexuellen Befreiung zu stehen. Die Story um eine junge Frau, die ihre Klitoris im Hals trägt, lockte erstmals auch bürgerliche Frauen aus der Mittelschicht ins Pornokino, der Film lief teilweise bis zu 20 Stunden am Tag. Nachdem Jackie Kennedy ihn gesehen hatte, verdoppelten sich die Besucherzahlen. Doch der eigentliche Erfolg stellte sich erst ein durch den Versuch der Regierung, den Film zu verbieten. Je mehr über ein Verbot durch die Politik diskutiert wurde, desto größer wurden die Besucherzahlen. Unter Richard Nixon wurde auf lokaler, bundesstaatlicher und nationaler Ebene exemplarisch gegen Deep Throat angegangen und versucht, diese Obszönität zu unterbinden. 1976 wurde Hauptdarsteller Harry Reems wegen seines Auftritts in der Sexkomödie zu fünf Jahren Haft verurteilt. Doch dann stolperte Nixon über »Deep Throat« (nein, nicht der Film), die Demokraten kamen an die Macht, und das Urteil wurde abgeschmettert. Doch seit diesem Zeitpunkt haben sich die Gesetze der politischen Zensur nicht verändert.

Inside Deep Throat ist mehr als eine Dokumentation über einen schlechten Spielfilm mit pornographischen Elementen. Er versucht das Ausmaß der kulturellen und juristischen Erregung einer Nation zu untersuchen, die nicht nur einen Sexfilm zu sehen bekam, sondern auch die Möglichkeit, sich aufgrund der breiten Resonanz über sexuelle Freiheiten und Praktiken auszutauschen. Natürlich dient auch hier, wie in den 70er Jahren, Deep Throat nur als ein Exempel. Doch da Deep Throat damals, mehr oder wenig zufällig, diese Sonderrolle zuteil wurde, legitimiert sich das Gedankenspiel, konkret diesen Film als letzte Möglichkeit des Brückenschlags von Pornographie zur Alltagskultur in den USA zu sehen und ebenso die heutige Erotikbranche als ein Auswuchs des Scheiterns dieses Vorhabens zu betrachten.

Collagiert aus Interviewsequenzen mit Zeitzeugen, die laut Aussagen der Regisseure Fenton Bailey und Randy Barbato schwer aufzutreiben und vor allem zu überreden waren, Originalaufnahmen und vielen absurden Verknüpfungen, entsteht ein ernsthafter Versuch, sich anhand von Deep Throat der Spannung zwischen Pornographie und Mainstream zu nähern. Dabei bedienen sich die beiden Regisseure nicht nur im Bereich des Humors, sondern streuen auch, allerdings nur am Rande, subjektive, aber durchaus legitime und unterhaltsame Polemiken. Daß hier aber keine Michael-Moore-Meinungsmache stattfindet, liegt sowohl an der stetigen Reflexion der zeitlichen Umstände und vor allem an der kritischen Haltung gegenüber Pornographie im allgemeinen, ist der Film doch ein Werk über, nicht für Pornographie. Vielmehr zeigt er ein differenziertes Bild, läßt Personen unterschiedlicher Lager zu Wort kommen (darunter Hugh Heffner, John Waters und die Frauenrechtlerin Camille Paglia), die sich kontrastieren und ergänzen, schnell und grell, aber nicht effekthascherisch geschnitten. »Oral history« at its best. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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