— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

House of Flying Daggers

Shimian maifu. HK/RC 2004. R,B: Zhang Yimou. B: Li Feng, Wang Bin. K: Zhao Xiaoding. S: Cheng Long. M: Shigeru Umebayashi. P: EDKO, Zhang Yimou Studio. D: Takeshi Kaneshiro, Andy Lau, Zhang Ziyi u.a.
120 Min. Constantin ab 6.1.05

Tragödie und Kampfakrobatik

Von Thomas Warnecke Kein Mensch geht ins Kino, wenn nur der Untergang der Titanic zu sehen ist. Das einzig Sehenswerte an Ben Hur ist das Wagenrennen, doch wie bei Titanic ist der bedeutend längere Teil des Films einer Handlung von frappanter Dämlichkeit gewidmet. Irgendwie ein lästiges Erbe der Zeit, als der Film durch die Anverwandlung historischer, literarischer oder dramatischer Vorbilder glaubte, sich als Kunst behaupten zu müssen: je weniger Attraktion, desto mehr Kunst.

In House of Flying Daggers erfüllt ein anerkannter und längst berühmter Regisseur mit seiner Fähigkeit zu poetischen Kinobildern den kulturindustriellen Verschleierungsauftrag, indem er die Kampfszenen des Martial-Arts-Spezialisten Tony Ching Siu-Tung zur besseren Verdauung im Multiplexkino-Magen in eine Liebes- und Historiendramasoße taucht. Anscheinend halten Produzenten und Publikum an dieser internationalen Verpackungskonvention fest, bei der es möglicherweise sogar eher noch erwünscht als nur egal ist, daß, wie in House of Flying Daggers, die Handlung um eine chinesische Geheimorganisation am Ende der Tang Dynastie (9. Jh.) und das Setting mit all seinen vielleicht historisch getreuen Dekors und Kostümen nicht weniger Fantasy ist als Lord of the Rings oder Schlupp vom grünen Stern.

An diesem Film ist nichts schlecht, die Szene mit dem »Echo-Spiel« z.B. ist echte Augenlust, es berührt nur kaum, weil sich Tragödie und Kampfakrobatik (die wegen eines besonderen Twists der Handlung sogar eine ganze Zeit lang ohne Blutvergießen auskommt) in ihrer Verschränkung gegenseitig behindern. Das wiederum könnte seine Ursache in den Begriffen haben, mit denen in der europäischen Tradition Kunstprodukte beschrieben werden, deren Gegensätzlichkeit chinesischem Denken möglicherweise völlig fremd ist. Zwingt sich der westliche Zuschauer – aufgeschlossen wie er sein möchte – dazu, Handlung und Action als zusammenhängendes Ganzes zu sehen, bleibt letztlich nur das Erlebnis einer reich gestalteten Oberfläche zurück, übrigens auch eine Tradition in der Rezeption chinesischer Kunst seit dem 18. Jahrhundert: nur daß man sich Filme nicht wie Ming-Vasen ins Regal stellen kann. Es bleibt die Erinnerung an Die rote Laterne, daran, daß Zhang Yimou viel mehr kann als internationale Modeproduktion. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #37.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap