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Go

J 2001. R: Isao Yukisada. B: Kazuki Kaneshiro, Kazuki Kinjô, Kankurô Kudô. K: Katsumi Yanagishima. S: Takeshi Imai. M: Yôko Kumagai, Hidehiko Urayama. P: Toiei. D: Yôsuke Kubozuka, Kou Shibasaki, Shinobu Otake, Taro Yamamoto u.a.
122 Min. Rapid Eye Movie ab 9.1.03

No Sports

Von Anatol Weber Im Jahre 2002 war bei aller amerikanischer Kriegslüsternheit ein Jahr der Annäherung und Versöhnung, am eindruckvollsten bei der Fußball WM in Japan und Südkorea unter Beweis gestellt. Beide Länder sind über den Schatten ihrer Vergangenheit gesprungen und haben Mißtrauen und Chauvinismus die rote Karte gezeigt. Leider haben die Europäer gerade erst wenig Mut bewiesen und die ähnliche Chance vertan, die eine gemeinsame EM in Griechenland und der Türkei bedeutet hätte.

Dies ist nicht der »Kicker«, obwohl eine letzte sportliche Überleitung mir gestattet sei: Mit einer Schmach muß Japan leben: Südkorea war deutlich erfolgreicher! GO! Und dann auch noch dieser Film. GO! Natürlich gab es in den letzten Jahren immer wieder Ko-produktionen beider Länder, darunter bezaubernde Liebesfilme wie Asako in Ruby Shoes oder Politthriller wie KT, und besonders Japan konnte in den letzten Jahren vom cineastischen Höhenflug Südkoreas profitieren. GO! Dieser Film stellt etwas ganz spezielles dar. Ein japanischer Regisseur dreht mit japanischem Team und Cast einen Film über die Diskriminierung von Koreanern im heutigen Japan und das keineswegs als tränenreiches Lehrstück, sondern als actiongeladenes Powerpaket.

Gleich zu Beginn rast der Film mit der Wucht eines japanischen Schnellzuges ins Kino, und nur einer ist schneller: Sugihara. Unser junger Held mit dem wilden Wuschelkopf rennt an gegen die steifen Konventionen und die obsoleten Denkmuster, die ihn umgeben. Sei es seine ehemalige nordkoreanische Kaderschule, die ihn zum Landesverräter abstempelt, seien es die neuen japanischen Mitschüler, die ihn als Aussätzigen behandeln, sei es die Sturheit seiner Eltern oder der Fluch des unreinen Blutes in seiner ersten Liebesnacht, Sugihara hat es satt, ein Alien zu sein.

Geschickt verwebt der Film von Beginn an die unterschiedlichen Entwicklungsstadien und Zeitebenen, die der Rebell durchläuft, um die Sackgasse zu zeigen, in der er sich bewegt. Regisseur Isao Yukisada gelingt es zudem, eine präzise Gewaltanalyse der beiden Kulturen zu zeigen. Die offene, sehr brachiale und rohe Gewalt, die der koreanischen Gesellschaft immanent ist, trifft auf die deutlich verstecktere, hinterhältige, aber umso tödlichere Gewalt, wie wir sie aus japanischen Filmen wie Pornostar und Audition kennen. In dieser Konfrontation liegt die enorme Energie des Films, die das Tempo der Jugendlichen auf- und ernst nimmt: wild, ungezähmt, laut und verschlossen, rauh und herzlich und keineswegs so eindimensional wie der deutsche Dosenbier- oder der amerikanische Pie-Teeniefilm. Auch die Liebesgeschichte, die dem Film die entscheidende Wende gibt, ist so klar und jungfräulich, daß in ihrer schwersten Phase dem Zuschauer der Atem stockt, so unglaublich traurig und herzergreifend trifft der implantierte Rassismus das junge Paar. Und wieder bleibt Yukisada konsequent, er ändert augenscheinlich nichts und dennoch passiert es.

Der Kampf unseres Helden scheint gewonnen, denn der Faktor Zeit hat begonnen, für ihn zu arbeiten; der Zahn, den er dabei verliert, der läßt sich ersetzen, der Vater, der ihn jetzt begreift, nicht. Und wenn er am Ende sein Aliendasein verflucht und herausschreit, dann ist das nicht nur der Anfang einer wundervollen Freundschaft und Liebe, sondern auch der Schritt zum Erwachsenwerden, der so plötzlich und unverhofft eintritt, daß es einfach losgeht. GO! Scheiß auf Fußball, das ist Kino! GO! GO! GO! 1970-01-01 01:00

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