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Garden State

USA 2003. R,B,D: Zach Braff. K: Lawrence Sher. S: Myron Kernstein. M: Chad Fisher. P: Large's Ark Prod., Jersey Films u.a. D: Ian Holm, Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Denis O'Hare u.a.
109 Min. Buena Vista ab 26.5.05

Heimkehr aus Hollywood

Von Daniel Bickermann Was für ein Jahrzehnt es bisher war für das junge amerikanische Independent-Kino! Nach Soderbergh, Tarantino und Hartley konnte man in den letzten Jahren an gewohntem Ort (nämlich hauptsächlich auf dem Sundance-Filmfestival) eine neue Generation kreativer Wunderkinder wie Wes Anderson, Sofia Coppola, David O. Russell oder Alexander Payne heranwachsen sehen, die seitdem mit Star-Angeboten, Studiogeldern und Kritikerpreisen geradezu beworfen werden. Kurz bevor die Tore wieder zugehen, hat jetzt Zach Braff seinen Fuß hineingeschoben, mit dem kühnen Anspruch, in einem Atemzug mit den Vorigen genannt zu werden. Und wenn man sieht, wie sehr dieser junge Sitcomschauspieler hier in seinem Dreifachdebüt als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller überzeugt, dann ist das auch tatsächlich jede Erwähnung wert. Keine Spur von jugendlichem Übermut des Endzwanzigers, keine Schlampereien durch Unerfahrenheit oder mangelnde Kontrolle, stattdessen zeigt Garden State eine streckenweise erstaunliche Souveränität.

Nun, wir wollen die Perspektive kurz zurechtrücken: Braffs Geschichte um die Heimkehr eines erfolglosen Yuppie-Schauspielers (sprich: Kellners) in das heimatliche Provinznest in New Jersey, das ist nicht gerade Citizen Kane. Gerade das aber spricht für die Reife Braffs, er hat der ewigen Debütantenkrankheit, die Menschheit belehren zu wollen, widerstanden, sich statt dessen einen überschaubaren Kosmos ausgewählt, den er kennt wie seine Westentasche, und darin einen kleinen, sympathischen Film gedreht. Herausgekommen ist das beste Regiedebüt eines Schauspielers seit George Clooneys (weit unterschätzter) Gedankenartistik für Confessions of a Dangerous Mind – nur daß sich die Skeptiker dieses Mal nicht auf einen produzierenden Soderbergh herausreden können, dem man die attestierte Brillanz im Zweifelsfall unterschieben kann.

Nein, Braff überzeugt im Alleingang mit herrlich absurden Drehbuchideen, die er in einer selbstsicheren, eigenständigen Regiehandschrift auch umzusetzen weiß. Heraus kommen dabei manchmal absurde, manchmal melancholische, manchmal brüllend komische Schauplatzideen, Bildkompositionen und Charaktere. Da gibt es das Rittermaskottchen der örtlichen Burger-Kette, das sich in seiner Mittagspause mangels Zeit in voller Rüstung an den Essenstisch zwängen muß; da gibt es herzzerreißende Zeitlupen von Natalie Portman, die vor einem Kaminfeuer tanzt; es gibt den einen Jugendfreund, der mit der Erfindung des lautlosen Klettverschlusses unmäßig reich geworden ist und einen anderen, der in seinem Nebenjob als Totengräber die Leichen gerne um etwas Schmuck erleichtert, bevor er sie pflichtgemäß verbuddelt.

Während Braff als Schauspieler zwar keine unendliche Bandbreite offenbart, aber immerhin schon in der ersten Szene mehr Talent zeigen darf als in seiner wöchentlichen Fernsehserie, überzeugt auch die restliche Besetzung bedingungslos: Ein wortkarger Ian Holm verhilft dem Film zu dringend benötigter, tragischer Gravität; der immer wieder überraschende Peter Sarsgaard trifft als zuhausgebliebener Klassenkamerad genau den richtigen Tonfall zwischen jugendlichem Rebellentum und ländlicher Lebensweisheit; und Natalie Portman funkelt sinnlich und verführerisch, wie sie es seit Ted Demmes ähnlich stimmungsvollem Film Beautiful Girls nicht mehr durfte – es ist schon die zweite bemerkenswerte Rolle für sie in diesem noch jungen Kinojahr.

So entsteht mit Hilfe fröhlicher Leichenfledderei, geologischer Mysterien und dem sicherlich anrührendsten Hamsterbegräbnis der Zelluloidgeschichte ein kleines Filmjuwel: absurd, aber nie abgehoben, schwermütig ohne je seine Komik zu verlieren, denkbar kompliziert, aber eigentlich ganz einfach. Eine Melanchomödie eben. 1970-01-01 01:00

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