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Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling

Bom, Yeoreum, Gaeul, Gyeowool, Geurigo, Bom. ROK/D 2003. R,B,S: Kim Ki-Duk. K: Baek Dong-hyeon. M: Bark Jee-woong. P: LJ Film. D: Oh Young-Su, Kim Ki-Duk, Kim Young-Min, Seo Jae-Kyung u.a.
102 Min. Pandora ab 18.3.04

Von der Ineffizienz des Wortes

Von Franziska Nössig Man fühlt sich außerordentlich plump bei dem Versuch, die Eindrücke dieses Films mit Buchstaben wiederzugeben. Denn Regisseur Kim Ki-Duk erzählt seine Geschichte mit Bildern und ersetzt das linear strukturierte Denken des Betrachters mit einem stärker visuellen Bewußtsein für Zeichen und Farben. Jede Einstellung ist daher wie ein Foto und könnte sogar für sich allein stehen. Diese faszinierende Bildsprache spiegelt die Kommunikation zwischen dem buddhistischen Mönch und seinem Schüler wider, die in einem Haus inmitten eines abgelegenen Bergsees wohnen. Sie tauschen ein Minimum an Dialogen aus und verständigen sich durch Zeigen und Imitieren und achten auf die Körpersprache des anderen. Jede Einstellung wird so zu einem feinen Geflecht aus Formen und Gesten, und Ki-Duk fügt sie mit weichen Schnitten in den restlichen Bilderreigen ein.

Worte rücken erst in den Vordergrund, als die Zivilisation in die Welt von Meister und Schüler eindringt. Ein großes Tor bildet die reale und symbolische Grenze zwischen diesen beiden Welten. Der kleine Schüler wächst in der Einsiedelei auf und erkennt, daß er zusammen mit anderen Lebewesen Teil eines Kreislaufes ist. Er verändert sich mit den Jahreszeiten und lernt, was Verlangen, Begierde und Verlust sind. Er muß akzeptieren, daß nichts für immer gleich bleiben kann und erfährt gleichzeitig, daß auf den Tod des Winters das Leben des Frühlings folgt.

Der Buddhismus lehrt die Reinkarnation, die ständige Selbsterneuerung des Lebens. Kim Ki-Duk verbindet diese Lehre mit einer bezaubernden Magie zu einem wahren Symbolreichtum. In jedem existierenden Wesen, sei es Schlange, Katze, Hahn oder Mensch, steckt ein Teil dieses Kreislaufes aus Vergehen und Wiederkehr. Nichts ist unendlich, aber es geht auch nichts verloren. Der Regisseur macht uns nachdenklich, läßt uns philosophieren – und bringt uns zum Lachen. Die Abenteuer des Schülers, als er sich allein auf Entdeckungsreise macht, sind Einblicke in die Welt eines kleinen, frechen Jungen. Er jauchzt vor Freude und der Zuschauer kann nicht anders als mitzukichern. Unser Lachen macht uns zu Komplizen.

In gleicher Intensität spüren wir später die schmerzhafte Reue, die der Schüler für seine Taten empfindet. In vielen Momenten scheint der Film Erinnerungen an eigene Erfahrungen im Zuschauer zu wecken. Er zeichnet das Leben mit seinen Hochs und Tiefs nach und macht auf die Rolle des Lernens aufmerksam. Wie der Wechsel der Jahreszeiten ist es in einem lebenslangen Wandel inbegriffen, wird erneuert und revidiert. Durch ständiges Beobachten und Zeigen lehrt der Meister seinem Schüler, den richtigen Weg zu finden. Und obwohl er selbst alt und weise ist, muß auch er noch Dinge lernen.

Der Zuschauer durchlebt in diesem Film die unterschiedlichsten Emotionen und fühlt sich danach so ruhig wie der Bergsee. Die Probleme der Zivilisation, die Kommunikation mit Worten zum Beispiel, haben plötzlich ihre Dringlichkeit verloren. Die kathartische Wirkung hält eine Weile an. Ein solcher Film einmal im Monat, und die Sinne sind wieder frei für das Wesentliche im Leben. 1970-01-01 01:00
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