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Extreme Leidenschaft

Passion. AUS/USA 1999. R: Peter Duncan. B: Don Watson. K: Martin McGrath. S: Simon Martin. M: Percy Grainger. P: Beyond Films. D: Barbara Hershey, Richard Roxburgh, Emily Woof, Claudia Karvan, Simon Burke u.a.
102 Min. Nighthawks ab 24.8.00

Fingerübung

Von Manuela Brunner »How can you document real life when real life's getting more like fiction each day?«, schrieb Jonathan Larson 1994. Extreme Leidenschaft spielt 80 Jahre früher, und schon vor dem Ersten Weltkrieg stimmte dieser Satz, denn was in dieser Geschichte alles passiert, hätte kein heutiger Soap-Autor zu schreiben gewagt. Der Film basiert auf der Biographie des Konzertpianisten Percy Grainger, erzählt also eine dieser »wahren« Geschichten.

Der Film-Percy ist ein gefeierter Klaviervirtuose, hochbegabt und exzentrisch. In seiner Freizeit ist er Sex-Maniac und Hobby-Sadomasochist, dazu ödipal auf seine Mutter fixiert, was er durch zahlreiche Affären sublimiert. Seine Mutter hat die Syphilis, mit der sie sich bei Percys Vater angesteckt hat, der nach der Trennung von seiner Frau vereinsamt, arm und krank dahinvegetiert. Als wäre das nicht schon genug, versucht Percy, seinem besten Freund – der sich bisexuell gibt – die Verlobte auszuspannen. Schmerz, laß nach.

Nach etwa 80 Minuten Qual, Richard Roxburgh, den besten Bad Guy der letzten Zeit in einer solch quarkigen Hauptrolle zu sehen, geschieht plötzlich eine Wendung. Percy gibt ein Klavierkonzert. Die Musik von Edvard Grieg vermischt sich mit dem Off-Kommentar von Roxburgh; mit der Musik steigert sich der Schnittrhythmus der Parallelmontage zwischen Konzertsaal und Percys Wohnung, wo seine Mutter entsetzt einen Stapel Fotographien durchblättert, kunstvoll angefertigte Dokumente von Percys Selbstgeißelung. Zum Finale des Konzerts setzt Roxburghs Stimme dann den trockenen Punkt: »I guess I am a bad fellow.« Diese Sequenz hat eine unerwartete atmosphärische Dichte, ebenso wie in der Kameraführung Martin McGraths gelegentlich Momente visueller Kraft aus dem kränklichen Storybrei hervorblinken.

McGrath fängt die Essenz des Ersten Weltkriegs ein im Bild eines namenlosen Jungen, der in der Warteschlange steht, an deren Ende ein Rekrutierungsoffizier sitzt. Die Kamera fährt zurück, überläßt den Jungen seinem abzusehenden blutigen Schicksal in den Schützengräben. Gegen Ende läuft auch Barbara Hershey endlich zu der ihr gebührenden Form auf, aber leider sind solche Augenblicke selten und tauchen viel zu spät auf, um Extreme Leidenschaft zu einem guten Film zu erheben. Bleibt nur die Hoffnung und der Verdacht, daß dieser Film, Peter Duncans dritter, eine größtenteils mißlungene Fingerübung eines talentierten Regisseurs ist. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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