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Das Erbe

Arven. DK 2003. R,B: Per Fly. B: Kim Leona, Mogens Rukov, Dorthe Høgh. K: Harald Gunnar Paalgard. S: Morten Giese. M: Halfdan E. P: Zentropa. D: Ulrich Thomsen, Lisa Werlinder, Ghita Nørby, Karina Skands u.a.
108 Min. Arsenal ab 6.1.05

Familienbande

Von Frank Brenner Die ersten Minuten von Per Flys neuem Film sind hart. Ganz in der Tradition der dänischen Dogmaregeln wird uns hier zunächst der verzweifelt dreinblickende Ulrich Thomsen präsentiert, der im Halbdunkel des schlecht ausgeleuchteten und mit verwackelter Handkamera aufgenommenen Films vor sich hin lamentiert, ohne daß der Zuschauer den Grund wissen könnte. Auch nach dem Insert »fünf Jahre vorher« folgt man zunächst ein wenig widerwillig und in erster Linie gelangweilt den Unterhaltungen zwischen Thomsens Christoffer und seiner Frau Maria. Christoffers Vater Aksel kommt zu Besuch, ist aber schon bald wieder weg. Die Ratlosigkeit steigt. Doch dann gibt es einen bedeutungsschweren Telefonanruf, in dem Christoffer mitgeteilt wird, daß sich sein Vater erhängt hat. Von da an gerät die Geschichte ins Rollen, man folgt zunehmend gebannt der weiteren Entwicklung der Handlung, die sich, wie der Titel schon nahelegt, um das Erbe dreht, das Aksel Christoffer hinterlassen hat. Es handelt sich um dessen Stahlfabrik, der Christoffer einst den Rücken zugewandt hatte, um in Stockholm ein Restaurant zu eröffnen. Sein Schwager ist seiner Mutter jedoch ein Dorn im Auge, weswegen Annelise (der in Würde gealterte dänische Filmstar Ghita Nørby) alles daran setzt, Christoffer davon zu überzeugen, daß er allein den Posten des Firmendirektors übernehmen kann.

Ist die Handlung erst einmal dergestalt in die Gänge gekommen, schert man sich kaum mehr um die stets zittrigen Kameraeinstellungen oder die blassen Grau- und Brauntöne, in denen Das Erbe gehalten ist. Vor allen Dingen dank der ihresgleichen suchenden Darstellung Ulrich Thomsens gerät man zunehmend in den Sog der dramatischen Ereignisse, die sich auf unspektakuläre Weise in endlos langen, aber immer stärker fesselnden Dialogen manifestieren. Sein Christoffer ist zunächst noch der liebevolle Partner Marias, die in Stockholm als Schauspielerin am Theater arbeitet. Der Geruch der Macht, der dem ambitionierten Restaurantbesitzer entgegenschlägt, als er sich erst einmal dazu durchringt, mit seiner Mutter und dem Aufsichtsrat der Fabrik an einen Tisch zu sitzen, läßt ihn jedoch schnell zu einem anderen Menschen werden. Per Fly thematisiert in Das Erbe den moralischen und menschlichen Niedergang eines durchschnittlichen Mannes, der sich gegen Ende in einer versuchten Vergewaltigung erbarmungslos Bahn bricht. Fly hat sämtliche Charaktere in seiner Geschichte tief und überzeugend ausgelotet und damit ein Familienporträt geschaffen, das trotz seiner Unaufgeregtheit an den Nerven zerrt und aufwühlt. Wird der dogmatische Filmkanon auf diese Weise dramaturgisch eingesetzt, macht er auf jeden Fall Sinn und kann einen Mehrwert für eine Geschichte liefern. Das bißchen Geduld, das Fly seinen Zuschauern dafür zu Beginn abfordert, sollte man getrost investieren. 1970-01-01 01:00
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