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Ein ganz gewöhnlicher Jude

D 2005. R: Oliver Hirschbiegel. B: Charles Lewinsky. K: Carl-Friedrich Koschnick. S: Hans Funck. P: Multimedia Hamburg. D: Ben Becker.
89 Min. NFP ab 19.1.06

Kammerspiel

Von Franziska Heller Ein »fröhliches Schalom« wünscht der Lehrer Herr Gebhart in seiner Anfrage an eine Hamburger jüdische Gemeinde: Ob nicht einmal ein Jude über sein Leben im aktuellen Deutschland sprechen könne?

Der Journalist Emanuel Goldfarb wird bei der Formulierung seiner gepfefferten Absage in eine Spirale der eigenen Gedanken gezogen, die sich erst im Akt des Artikulierens für das allgegenwärtige Diktiergerät zu entwickeln scheinen. Über weite Strecken des Films tigert Goldfarb (intensiv: Ben Becker) in seiner in kühlen blau-grauen Tönen gehaltenen Wohnung im Kreis herum. Er entdeckt Relikte von Erinnerungen und durchlebt die Mißerfolge seiner eigenen Biographie im Sprechen noch einmal neu. Solange Goldfarb seinen alltäglichen schwarz-grauen Anzug trägt, hebt er sich kaum von dem Wohnungshintergrund ab. Er erzählt mit Emphase, daß doch sein einziges Projekt nur war, ein ganz gewöhnlicher Jude in Deutschland zu sein. Der Wunsch, mit seiner Umgebung zu verschmelzen und nicht mehr als »anders« angesehen zu werden – ob nun anti- oder übertrieben philosemitisch – wird von Regisseur Oliver Hirschbiegel in den filmischen Raum transponiert. In längeren, ruhigen Fahrten erlaubt die Kamera Goldfarb, immer wieder hinter einer Wand zu verschwinden und aus dem Kader zu laufen.

Die Bemühungen des Textes, den Umgang in Deutschland mit jüdischen Mitbürgern in verschiedenen Sichtweisen zu zeigen, werden tatsächlich durch spiegelnde Oberflächen umgesetzt. Doch insgesamt agiert der Film in seiner Form sehr zurückhaltend gegenüber dem Sujet der immer noch aktuellen Vorstellung vom Anderssein »der« Juden. Die im Text aufgeworfenen Komplexitäten, die zum Nachdenken anregen, werden nur selten pointiert umgesetzt. Der Film verpaßt einige wichtige Momente und wirkt deshalb manchmal etwas einfallslos. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #41.
© 2012, Schnitt Online

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