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Als der Wind den Sand berührte

Si le vent souléve les sables. B/F 2006. R,B: Marion Hänsel. B: Marc Durin-Valois. K: Walther van den Ende. S: Michéle Hubinon. M: René-Marc Bini. P: Man's Film, Asap Films u.a. D: Isaka Sawadogo, Carole Karemera, Asma Nouman Aden, Emile Abossolo M'bo u.a.
96 Min. Kinowelt ab 26.7.07

Der Sinn des Lebens

Von Mary Keiser Es heißt »Geld verdirbt den Charakter«. Das stimmt, wenn man seinen Besitz nicht zu teilen bereit ist. Wenn man allerdings nichts zu teilen hat, bedeutet »Charakter« in diesem edlen Sinne einen unerschwinglichen Luxus. Rahne will seine neugeborene Tochter töten, da er für sie im täglichen Kampf um Wasser keine Überlebenschance sieht. Auch wenn seine Frau es beim ersten Mal verhindert, bleibt er ein paar Jahre später auf der beschwerlichen Suche nach Wasser stets bereit, zuerst die kleine Shasha für das Leben der restlichen Familie zu opfern. Als brutale Soldaten von ihm verlangen, eins seiner Kinder als Wegzoll abzutreten, bietet er gleich sie an. Das nächste Mal läßt er Shasha an seiner statt für eine Milizgruppe durch ein Minenfeld laufen. Wer von Als der Wind den Sand berührte eine Art Western erwartet, in dem der tapfere Familienvater die Seinen aus jeder noch so gefährlichen Situation rettet, wird von der Regisseurin unsanft aus den Träumen made in Hollywood gerissen. Rahne kann es sich nicht leisten, ein Held zu sein. Es ergäbe keinen Sinn, sich gegen bewaffnete Soldaten zu stellen. Wenn es nur gilt zu überleben, sind große Gefühle wie Stolz, Rache und sogar Liebe Luxus.

Auch wenn die Handlung auf dem Roman »Chamelle« von Marc Durin-Valois basiert, scheint der Film mit jeder Einstellung zu rufen: »So sieht die Realität aus!« Damit fällt er auf den fruchtbaren Boden unseres durch den Globalisierungsdiskurs sensibilisierten Bewußtseins. Die dargestellte Odyssee ist exemplarisch für die elenden Zustände in Afrika und könnte in vielen Gegenden stattfinden. Wenn es kein Wasser mehr gibt, wird der Durst zur einzigen Triebkraft. Die Situation der Dorfbewohner ist im wahrsten Sinne ausweglos, da nahezu alle Wege in die Dürre oder ins Bürgerkriegsgebiet führen. Deshalb scheint es auch einerlei, in welche Richtung man aufbricht, und Rahne wählt den Osten, während die anderen Familien nach Süden ziehen. Mit jedem Schritt wird die Hoffnung schwächer, und jeder Verlust, von Menschen wie von Tieren, stellt den Sinn des ganzen Unterfangens zunehmend in Frage. Die Abschiede sind traurig, aber unspektakulär, ähnlich wie in Pulp Fiction schockiert die Beiläufigkeit der Gewalt, nur daß es hier nicht um eine absurde Übertreibung zur Erlangung neuer Gewaltmaßstäbe im Film geht, sondern um reale Machtkämpfe, die nicht zuletzt um Wasser ausgetragen werden.

Kommentare sind überflüssig, wo viel Dialog künstliche Distanz schaffen würde, nimmt man stattdessen das Geschehen in sich auf. Die Bilder erläutern sich selbst – wenn Shasha ihre Lieblingsziege umarmt und tröstet, ahnt man schon das traurige Ende des Tieres, und auch der langsam steigende Respekt ihres Vaters für sie kommt ohne Worte aus. Regisseurin Marion Hänsel läßt uns durch aussagekräftige Bilder die Ohnmacht der Wandernden nachvollziehen, sei es gegenüber den Naturgewalten oder der Willkür der Stärkeren. Ein Road Movie der kleinen Ansprüche, auf Schusters Rappen und ohne die Suche nach einem besseren Leben, sondern bloß nach dem Leben selbst. Die einzelnen Begegnungen bieten zwar extreme Spannung, aber keine darauf folgende Befriedigung, und hinter den Hügeln wartet nicht das gelobte Land, sondern nur eine andere Wüste, Sand, Steine, Salz. Es ist, als ob die Protagonisten durch ein Nichts laufen, durch die Ungewißheit, ob es sich überhaupt zu laufen lohnt.

Diese Hoffnungslosigkeit spiegelt angemessen die aktuelle Stimmung wider. Beim Thema Klimawandel schwebt den meisten bereits ein unbestimmtes Mad Max-Szenario vor Augen. Während die Anführer der westlichen Welt jedoch gerade erwägen, eventuell Maßnahmen zu ergreifen, um den Prozeß zu verlangsamen, sollte man in jedem Fall »ernsthaft in Betracht ziehen«, sich Als der Wind den Sand berührte im Kino anzusehen. 1970-01-01 01:00

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