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Traumathek

Die Macht ist stark in here: Engelbertstraße 45, Köln

Die Gegenmacht

Von Werner Busch Langer Samstag in der City. Begleiten Sie unseren Autor Werner Busch bei seiner Stippvisite in einer der bemerkenswertesten Videotheken Deutschlands, der Traumathek in Köln. Es ist einer dieser besonders frischen Frühsommertage.

Es ist kaum warm, kaum kalt, ein angenehmer Wind treibt Schönwetterwolken über den blauen, ewigen Himmel. Blütenreste fliegen mit ihm über die Straßen der heiligen Stadt Köln. Die Überwachungskameras an der großen Synagoge surren friedlich vor sich hin, die Alkis und Drogis vor dem Crowne Plaza bringen sich freundlich auf den neuesten Stand der Ermittlungen. Irgendwo dazwischen, unweit der Universität, schreite ich unter den sich sanft wiegenden Bäumen durch die Engelbertstraße. Die Tür einer Ladenfront ist einladend geöffnet, ich registriere ein neues altes Plakat neben dem Eingang, Get Carter, natürlich das Original von 1971. Ich betrete die Traumathek.

Für einen »Schnitt«-Autoren wie mich, angestellt im Stammwerk Köln, ist dieser Gang (auch bei schlechtem Wetter) keine Seltenheit und ist es wohl für kaum einen Filminteressierten oder -besessenen aus Stadt und Umland.

Die Auswahl im Eingangsbereich weist vor allem gut sortierte Arthouse-Neuerscheinungen auf. Ist die Traumathek also eine Programmvideothek? Spurensuche! Ein Aluminiumprofil-Kabelschacht an der Decke, 20cm Innenmaß, geleitet mich tiefer in den langgezogenen Raum. Die Beschriftungen der Regale werden zunehmend interessanter: World Cinema, Experimentalfilm, Trash, Exploitation, Hongkong, Horror, Underground uvm. Auch die einzelnen DVD-Titel im Regal geben klar zu verstehen, daß die Filmauswahl hier weit vielschichtiger ist als die der konservativen Programmvideotheken.

»Bist Du Videothek?«, frage ich im Gespräch mit meinem üblichen schlechten Sprachdeutsch ostentativ die grazile Frau hinterm Tresen. Die Frage trägt aber in ihrer Form viel Wahrheit mit sich. Denn der außerweltliche Kopf, das Herz und die Seele der Traumathek, das genau ist Karin Hüttenhofer, die Gründerin und Betreiberin. Kopf, Herz und Seele, attributivisch verstanden, das ist die Traumathek.

In den späten 1980ern trug es die Ravensburgerin zum Studium in das größte Dorf der Welt. Ihr Interesse an alternativer Musik samt Lebenskultur schlug sich auch auf ihren Filmgeschmack nieder, den sie zunehmend als Videojunkie mittels Mailorders beim Videodrom in Berlin verfeinerte. Ein Besuch in dieser »alternativen Videothek« festigte in ihr den Entschluß, ein Äquivalent dafür in Köln zu schaffen. Mit nur 500 Tapes auf 40m2 entstand 1994 ein erster Laden in der Lützowstraße. Diese Auswahl vergrößerte sich schnell und verlangte schließlich nach der größeren Ladenfläche am heutigen Standort in der Engelbertstraße, wo nun ca. 13.000 entleihbare Medien die Traumathek zu einer der größten und inhaltlich bemerkenswertesten Filmsammlungen in NRW machen. Diese zieht neben den Normalkunden verstärkt auch Filmnerds und -wissenschaftler an (sofern unterscheidbar). Filmplakate, Filmbücher, historische und aktuelle Ausgaben von diversen Filmmagazinen und einige ausgewählte DVD-Veröffentlichungen gehören zum ergänzenden Kaufsortiment.

Filmkunst hört hier nicht bei der Kunst auf. So sind insbesondere unbekannte italienische B-Gangsterfilme der 1970er Jahre ein Liebesobjekt für Karin Hüttenhofer. Daß der Name ihres Ladens sich nicht von seelischen Wunden ableitet, sondern direkt von einem Dario-Argento- Film, versteht sich von selbst. Die großartige Filmzeitschrift »Splatting Image« kann man weitestgehend als ideologisches und inhaltliches Äquivalent zur Filmauswahl der Traumathek begreifen. Aber auch hiermit läßt sich die gesamte Mannigfaltigkeit des Angebots nicht vollständig erfassen.

Trotz aller Einzigartigkeit war aber das Tagesgeschäft schon immer, heute besonders, ein harter Kampf, sodaß sehr viel persönliches Engagement und Idealismus ihren Teil dazu tun müssen, die Ladentüre weiterhin offen zu halten. Außer dem in Berlin weiterhin aktiven Videodrom gibt es keine qualitativ vergleichbare Einrichtung in Deutschland. Die Traumathek ist eine kulturelle Institution, ein Ausrufezeichen hinter dem Wort »Filmkunst« und, einer verallgemeinernden medialen Massenkultur gegenübergestellt, eine Gegenmacht unbestimmbarer Größe. 2011-10-12 08:49

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