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Vier im roten Kreis

Le cercle rouge. F/I 1970. R,B,S: Jean-Pierre Melville. K: Henri Decaë. S: Marie-Sophie Dubus. M: Éric Demarsan. P: Euro International Film, Les Films Corona, Selenia Cinematografica. D: Alain Delon, André Bourvil, Gian Maria Volonté, Yves Montand, Paul Crauchet, Paul Amiot, Pierre Collet, André Ekyan, Jean-Pierre Posier u.a.
140 Min.

Rote Routen

Von Friederike Horstmann Vier auf der Flucht
Auf der Verfolgung, in Vorbereitung und Durchführung des Diamantendiebstahls.
Vier im Billardsalon, im mondänen Nachtclub, im Nachtexpress, in
amerikanischen Autos. Vier im beigen Trenchcoat, im weißen Oberhemd
mit schwarzer Krawatte – der Kostümkanon makellos. Vier, deren
Modestrategien und Methoden identisch und austauschbar sind –
Juwelenräuber, Juwelengendarm.

»Also gesprächig sind die ja nicht gerade«
Nachts der Überfall: Ein langer Weg
über Häuserblöcke, Hinterhöfe, Dächer, Leitern.
Wenig Geräusche, wenig Musik, keine Worte.
Eine Erzählung – den Bildern, Blicken, Gesten überlassen.
Ein Film bestimmt von lakonischen Minimaldialogen.
Gegenstände – Feuerzeuge, Billardstöcke
sind oft früher im Bild als ihre Inhaber.

Colors, Coolness
Filmbilder, über die sich ein bläulich weißer Firnis legt, vereisen. Schattierungen
der Verkühlung. Schnee stiebt durchs Bild, ein spärlich fahles Winterlicht,
eine getrübte Farbintensität. Filmfarben, die sich zu Weiß oder Schwarz
entfärben. Frostigkeiten auch auf der Tonspur, ein verwegen rauschender Wind.
Selten sticht Signalrot ins Bild in Straßenschildern, Ampeln, Alarmglocken,
in dem blutverschmierten Geldbündel und der Rose des Verrats.

»Menschen sind Verbrecher –
kommen unschuldig auf die Welt, bleiben es aber nicht«
Getriebene Gangster mit unbewegten Mienen, eine deterministische Welt,
ein anhaftender Fatalismus. Wie auch der minutiös geplante Einbruch
unterliegen die Filmbilder strenger Stilisierung. Handwerkliche Perfektion,
erzählerische Präzision – ein Unterweltfilm in formaler Vollendung
als audiovisuelle Attraktion. Jazzmusik von verkühlter Harmonik –
Architekturen mit verchromten, verglasten Oberflächen.

Gangstergeschicke und Filmfertigkeiten
Durch einen Scharfschützenschuss werden gleichzeitig der Kontaktknopf des
Sicherheitssystems entschärft und die Videoaufzeichnungen aktiviert. Das
gold gefasste Einschussloch zeigt die Initialen von Jean-Pierre Melville: JPM.
Im Schuss-Gegenschuss-Verfahren werden Präzisionsschütze und signierte
Öffnung wiederholt visuell verschränkt, kinematographische Könnerschaft
mit künstlerischer Kennzeichnung kurzgeschlossen.

Determinierte Routen
Zwei Handlungsstränge werden anfangs miteinander verbunden, ineinander
geschnitten, entwickeln eine auffällige Dynamik: Ein entlassener Häftling und ein
entfliehender Häftling. Zwei Geschichten parallel laufend, sich in der Montage
kreuzend. Töne, Zuggeräusche verhallen in der Gefängniszelle. Schon in der
Parallel-Montage und in den Tonspur-Überlappungen zeigt sich ein
gemeinsames Schicksal. Viel später treffen die zwei Sträflinge tatsächlich aufeinander.
© 2012, Schnitt Online

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