Der Vorbote hinter den Verboten
Von Carsten Happe
In einer Zeit, als es noch wirkliche Kinostars gab und Blockbuster ohne Comic- oder Videospielvorlage, als der Boulevard bei freizügigen Szenen noch in Schnappatmung verfiel, da galt für
Basic Instinct vor allem eins: Dies ist der amtlich heißeste Scheiß! Michael Douglas tönte großmäulig vom »fuck of the century«, Schwulen- und Lesbenverbände liefen Sturm – und Drehbuchautor Joe Eszterhas strich genüßlich einen Multi-Millionen-Dollar-Scheck ein. Daß die ganze Aufregung berechtigt sei, stellte Regisseur Paul Verhoeven gleich in der Eingangssequenz klar. Eine derart offensive Verquickung von Sex und Gewalt hatte es bislang im Mainstream-Kino kaum gegeben. Als wenig später Michael Douglas' Charakter eine Vergewaltigungsphantasie (oder …?) mit seiner Kollegin Jeanne Tripplehorn in die Tat umsetzt, wird deutlich: hier sollen Grenzen verschoben und Tabus gebrochen werden.
Daß unter dieser schillernden Oberfläche und jenseits der gespreizten Schenkel von Sharon Stone ein durchaus clever konzipierter Krimiplot verborgen war, wurde seinerzeit oftmals übersehen. Dabei macht er doch die eigentliche Faszination von
Basic Instinct aus – eng verknüpft mit der kraftvollen Inszenierung Paul Verhoevens, der sich freigiebig bei Meister Hitchcock bedient und hübsche Reminiszenzen an
Vertigo und weitere Suspense-Klassiker einbaut. Und sich Michael Douglas‘ Rolle als abgefuckte Entwicklung seines »Straßen von San Francisco«-Charakters weiterzudenken, hat ebenso seinen Reiz.
Bevor sich Verhoeven und Eszterhas an der aufgespritzten Soap-Schmonzette
Showgirls verhoben und ihre Karriere beinahe irreparabel beschädigten – auch ein Trash-Kultstatus muß sich erst langwierig verdient werden – zeigen sich die Herren und Nestbeschmutzer noch einmal von ihrer besten Seite und verfügen insbesondere mit dem Kameramann Jan De Bont und dem Komponisten Jerry Goldsmith über zwei Routiniers in ihrer Crew, deren jeweilige Beiträge zu
Basic Instinct fraglos zu den Highlights ihrer Laufbahnen gehören. Gemeinsam mit Camerons
Terminator 2 läutete Verhoevens dritte US-Regie endgültig die 90er Jahre in Hollywood ein und überstrahlt wie ein einsam funkelnder Diamant den weiteren Output fast aller Beteiligten.
2011-12-01 17:19