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Schmalspurganoven

Small Time Crooks. USA 2000. R,B: Woody Allen. K: Fei Zhao. S: Alisa Lepselter. P: Sweetland. D: Woody Allen, Tracey Ullman, Hugh Grant, Michael Rapaport, Tony Darrow, Jon Lovitz u.a.
94 Min.

Pinky und Brain in New York

Von Maxi Braun Geld allein macht nicht glücklich, sondern in erster Linie reich. Reich sein heißt für Frenchy (Tracey Ullman) und ihren Mann Ray (Woody Allen), ein unverschämt großes Apartment mit unfaßbar geschmacklosem Krempel wie massivgoldenen Kranichen und Porzellanzebras vollzustopfen, sowie eine Ernährungsumstellung auf Schnecken, Fischeier und extra dick geschnittene Trüffel. Man vermutet mit Recht, daß die beiden zu solchem Reichtum gekommen sind wie die Jungfrau zum Kinde. Jungfrauen machen Ray übrigens Angst, besonders die, die grimmig von den Gemälden im Museum stieren. Man ahnt, sie sind nicht gebildet oder gar intellektuell, denn Bildung wiederum bedeutet für Frenchy, ein Fremdwörterbuch chronologisch auswendig zu lernen. Daher findet sie vieles »animierend« und »apokalyptisch«, denn weiter als bis zum Buchstaben A kommt sie nicht, bevor ihr auf Kirsch-Schokokeksen erbautes Imperium zerbröselt.

Die Geschichte von Ray und Frenchys Aufstieg in die Liga der oberen Zehntausend hätte bereits für eine solide Komödie gereicht, unter der Ägide Allens verwandelt sich die klassische Prädisposition hingegen in gleich drei vergnügliche Episoden. Mit Schmalspurganoven vollführt er einen leichtfüßigen Seiltanz zwischen diversen Genres und bricht diese ironisch auf. Eine Note, die andere Gangsterparodien wie Im Bann des Jadescorpions oder Manhattan Murder Mystery noch besser gemacht hätte.

Seine Vorbeugung vor den Komödien der Ealing-Studios ist lustiger als Alexander Mackendricks The Ladykillers, die raffinierte Beobachtung von Rays und Frenchys Beziehung wirkt, als hätte Ingmar Bergmann Szenen einer Ehe mit Al und Peggy Bundy in den Hauptrollen gedreht. Die Wortgefechte, die sich Allen als Ray mit der herrlich knarzigen Tracey Ullman liefert, sind dennoch voll von raffiniertem Wortwitz und Ironie. Das ist nicht immer fein und subtil, aber so brüllend komisch, daß sie sogar in der deutschen Synchronisation zu überzeugen weiß. Dies trifft auch auf die verschepperten Nebencharaktere zu, allesamt liebenswerte Dumpfbacken/Vizepräsidenten der global prosperierenden Keksfabrik. Wie schon in Mighty Aphrodite stellt Allen seine einfacher gestrickten Charaktere nicht bloß oder gibt sie der Lächerlichkeit preis, sondern läßt sie mit der ihnen eigenen Weisheit gegen die Widrigkeiten des Alltags ankämpfen. Denn egal ob hyperintelligenter Stadtneurotiker, platinblonde Prostituierte mit Herz oder eben trottelige Schmalspurganoven: Vor der uns Menschen typischen Unzufriedenheit sind wir alle gleich. Woody Allen hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, uns regelmäßig und beharrlich auf diesen Umstand hinzuweisen.

Schmalspurganoven verfügt nicht über die poetische Schönheit von Manhattan oder die zynische Konsequenz von Match Point, ist aber innerhalb des Allenschen Oeuvres eines seiner lässigsten Geschenke an seine Verehrer. Und Ray und Frenchy? Ähnlich wie bei ihren anarchischen Pendants Al und Peggy steht am Ende die Erkenntnis, daß alles Geld der Welt nichts wert ist, wenn man dafür nicht mal einen vernünftigen Cheeseburger bekommen kann.
2011-09-05 16:41
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