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Für eine Handvoll Dollar

Per un pugno di dollari. D/E/I 1964. R,B: Sergio Leone. B: Duccio Tessari, Victor A. Catena. K: Massimo Dallamano. S: Roberto Cinquini. M: Ennio Morricone. P: Constantin Film Produktion, Jolly Film, Ocean Films. D: Clint Eastwood, Marianne Koch, Wolfgang Lukschy, Gian Maria Volonté, Sieghardt Rupp, Antonio Prieto, Margarita Lozano, Josef Egger u.a.
88 Min.

Leones Mythos

Von Frederik König Mit Für eine Handvoll Dollar begann nicht nur das Genre des Italo-Western, die Karrieren Clint Eastwoods, Sergio Leones und des innovativen Western-Filmmusikers Ennio Morricone, sondern auch eine neue Art der Filmsprache und -ästhetik. Während das europäische Kino zu Leones Zeit vor allem auf Realismus, Humanismus und Formalismus setzte, um sich bewußt von der »trügerischen« Traumfabrik der Neuen Welt abzusetzen, nahm Leone das Beste aus beiden Welten, um sie zu einer explosiven Mischung zu verbinden. Indem er das Genre des Western aufgriff und mit europäischen Einflüssen durchmischte, erfand er einen Stil, der in der Rückkopplung nicht nur den US-amerikanischen Western sondern das gesamte Filmschaffen veränderte.

Die Handlung von Für eine Handvoll Dollar beruht auf Akira Kurosawas Samuraifilm Yojimbo und Dashiell Hammetts Roman Rote Ernte. In allen drei Werken geht es um eine kleine Stadt, die von zwei verbrecherischen Banden besetzt und durch ihren Terror schikaniert wird. Ein Unbekannter erscheint und schlägt sich für Geld mal bei der einen, bald bei der anderen Gang durch, um zum Schluß beide Kräfte gegeneinander auszuspielen und als dritte Partei zu triumphieren. Während Kurosawa diese Geschichte zur Zeit der Samurai ansiedelte und Hammets Roman im Amerika der Depressionszeit spielte, transferierte Leone diese dramaturgische »ménage à trois« in den gesetzlosen Raum eines mexikanisches Wüstenkaffs Ende des 19. Jahrhunderts. Leones Anti-Held ist dabei genauso skrupellos, brutal und amoralisch wie seine Widersacher: Letzten Endes geht es ihm nicht darum, den Frieden im Dorf herzustellen, sondern darum, es mit der titelgebenden »Handvoll Dollars« wieder zu verlassen.

Trotz seiner Veranlagungen funktioniert dieser antiheldische Unbekannte als Identifikationsfigur für den Zuschauer. Leones Protagonisten bei der Arbeit zuzuschauen – zu sehen, wie gewitzt er die beiden Banden in bester Tradition pittoresker Romane gegeneinander ausspielt und dabei fast schelmische Züge annimmt – läßt uns trotz aller Gewalt mit ihm sympathisieren. Er ist ein Radikaler, der ohne Rücksicht seinen Weg bis zum Ende geht. Leone inszenierte seinen Helden am Set im dreckigen, verstaubten und verbrauchten Setting und Kostüm, das im Gegensatz zu den amerikanischen, hochpolierten Western endlich einen Hauch von Realismus ins Western-Genre einziehen ließ. Dieser Wunsch nach Authentizität, den man als einen europäischen Einfluß sehen kann, wurde jedoch durch die damit einhergehende Gewaltdarstellung und ihre Übertreibung wieder gebrochen. Leone zeigte zwar Gewalt und ihre Auswirkungen, die blitzenden Pistolenläufe und die sich vor Schmerz krümmenden Leiber der Getroffenen, überzog jedoch den Gewaltfaktor so, daß der Realismus ins Comic-hafte überging.

Auch im ästhetisch-audiovisuellen Sinne hat Für eine Handvoll Dollar etwas Comic-ähnliches: Nicht nur die Einstellungen, die meist in der Horizontalen des Cinemascopeformats komponiert sind, wirken wie genau gezeichnete Tableaus. Auch die Handlungsabläufe werden der inneren Dramaturgie folgend berechnet, durch Einstellungen bestimmter Größen aufgelöst und verstärkt. Leone betont besonders visuelle Details von Aktionen und Reaktionen, wie musternde Augenpartien oder wartende Hände am Pistolengürteln in Großaufnahmen. Auf diese Weise entwickelt er, aufbauend auf klassischen Montagetechniken à la Eisenstein, eine rein visuelle Sprache, die ohne Worte auskommt. Oftmals übernehmen, neben der reinen Kraft der Bilder und ihrer Montage, Musik und Geräuschkulisse des Films die Funktion der Sprache. Leones Hofkomponist Ennio Morricone erfand schon bei ihrer ersten Zusammenarbeit eine Musik, die Geräusche aus der Filmhandlung als Elemente der Melodie und ihrer Orchestrierung einsetzte. Die Grundmelodie dieser Musik wird gepfiffen, Peitschenhiebe, Metallschläge und Kirchenglocken geben den Rhythmus vor, während Männerstimmen, begleitet von Streichern, die Melodie im Chor singen. Diese Art audiovisueller Sprache sollte Leone über die beiden weiteren Teile der »Dollar«- Trilogie Für eine Handvoll Dollar mehr und Zwei glorreiche Halunken bis hin zu Spiel mir das Lied vom Tod immer weiter stilisieren und verdichten.

Während seine Kollegen in Italien, Spanien, Deutschland oder Frankreich eher das Gegenteil versuchten – nämlich das Kino wieder zu entmythisieren – schuf Leone im »europäischen Western« einen hybriden Mythos, der dramaturgisch und ästhetisch ganz neue Wege ging. Der Antiheld aus Leones Filmen löste nicht nur eine unzählbare Menge an guten wie schlechten Kopien aus (Ringo, Django, Santana usw.) aus, sondern etablierte sich auch als neue erzählerische Figur im US-Mainstream. Hier wurde er bald im sogenannten »New Hollywood« aufgegriffen und in Filmen wie Dirty Harry oder French Connection verarbeitet. Heutzutage gehören die Innovationen Leones zum absoluten Mainstream-Vokabular zeitgenössischer Filmemacher. Trotz oder gerade wegen der vielen Anlehnungen, Zitate und Nachahmungsversuche bleibt Für eine Handvoll Dollar eines der wenigen Werke in der Filmgeschichte, die wie eine Wegmarke die Historie in eine Zeit vor und eine Zeit nach ihrer Existenz teilen. 2011-06-02 15:27

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