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Jäger des verlorenen Schatzes

Raiders of the Lost Ark. USA 1981. R: Steven Spielberg. B: Lawrence Kasdan. K: Douglas Slocombe. S: Michael Kahn, George Lucas. M: John Williams. P: Paramount, Lucasfilm. D: Harrison Ford, Karen Allen, Paul Freeman, Ronald Lacey, John Rhys-Davies, Denholm Elliott, Alfred Molina, Wolf Kahler u.a.
115 Min.

Kinderspiel

Von Frederik König In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erzählte Spielberg einmal davon, wie er seine Kinder beim Herumtollen im Garten beobachtete und dabei folgende Erkenntnis machte: Beim Spiel begaben sich die Kinder auf die Höhe ihrer Spielzeuge, knieten oder legten sich auf den Boden, um die Perspektive ihrer Plastikfiguren einzunehmen. Sie agierten wie ein Regisseur, der einen Kamerawinkel wählt, seine Akteure arrangiert und sie dann nach seiner Anleitung spielen läßt. Spielberg zeigte mit diesem Beispiel, daß Regieführen im Kern auf der Idee des Spiels basiert und fast eine instinktive Angelegenheit ist, die nur das nötige Maß an Fantasie und Umsetzungsgabe braucht, um zu funktionieren. In Jäger des verlorenen Schatzes gab Spielberg mit seiner kindlichen Fantasie der Welt etwas mehr Transzendenz, Irrationalität und Magie zurück: Im ersten von mittlerweile vier Teilen muß Indiana Jones im Wettlauf mit den Nazis die Bundeslade finden, die als ultimative Geheimwaffe gehandelt wird. Wer dieses Objekt, das einst die Steintafeln mit den zehn Geboten verwahrte, an der Spitze seiner Armee führt, ist unbesiegbar, so heißt es bei Spielberg. Und tatsächlich: Zum Schluß zeigt sich, daß durchaus mehr in der alten Kiste steckt, als nur ein wenig ägyptischer Wüstenstaub…

»Action trifft Mythos«, das ist die eigentliche Erfolgsformel von Jäger des verlorenen Schatzes. Auf dem Weg zur Bundeslade steht Indy einige wilde Verfolgungsjagden durch, verliert seinen Kopf fast bei einem Zweikampf durch einen rotierenden Propeller, muß sich mit einer Menge Nazischergen grün und blau prügeln und seiner größten Angst stellen: Einer Grabkammer voller klappernder Wüstenvipern. Während Indys Archäologie-Kollegen an der Universität im stillen Kämmerchen trocken über staubigen Büchern grübeln, ist er unterwegs und betreibt geschichtswissenschaftliche Aufklärung mit Cowboyhut und Lederpeitsche. Neben diesen rein unterhaltsamen Aspekten bildet die Bundeslade den gesamten Film hindurch sowohl für Indy, die Nazis und den Zuschauer das zu erreichende Ziel, ist Streitobjekt der verschiedenen Parteien und somit verantwortlich für den Grundkonflikt des Films. Die Bundeslade wird von Spielberg durch fantastisch-verklärende Beschreibungen immer stärker von seinem eigentlichen historischen Kontext abgelöst, mit Mythos angereichert und zu einem ultimativen »McGuffin« nach bester Hitchcockschen Manier. Letzten Endes erfahren weder Indy noch der Zuschauer so richtig, was wirklich in der alten Holzkiste steckt. Nur die blöden Nazis erleben ihr blaues Wunder…

Auf diese Weise ist Indiana Jones eine naiv kindliche Filmfantasie, die durch ihre einfachen Zutaten eine äußerst breite Masse an Zuschauern anspricht. Der Film steht in der Tradition von Spielbergs Blockbuster-Rezeptur, die mit Der weiße Hai begann und 2008 im vierten und bisher letzten Indiana Jones Abenteuer erneut mit Erfolg angewendet wurde. Die Einfachheit von Struktur und Form in Spielbergs Filmen ist schon immer sowohl Stärke als auch Schwäche, Fluch und Segen gewesen. Durch seine kommerziellen Erfolge lange von Arthouse-Publikum, Akademikern und Wissenschaft verschmäht, hat er mittlerweile bewiesen, daß er sein »Spiel« wie kein anderer beherrscht. Jäger des verlorenen Schatzes zeigt uns, was wir alle eigentlich schon lange wußten: Spielberg ist ein großes Kind, das mit einigen sehr teuren Spielzeugen seine Triebe ausleben darf und damit so erfolgreich und erfindungsreich ist, daß er hoffentlich noch lange weiterspielen wird. 2011-05-25 15:10
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