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Der Saustall

Coup de torchon. F 1981. R,B: Bertrand Tavernier. B: Jean Aurenche. K: Pierre-William Glenn. S: Armand Psenny. M: Philippe Sarde. P: Les Films de la Tour, Films A2, Little Bear. D: Philippe Noiret, Isabelle Huppert, Jean-Pierre Marielle, Stéphane Audran, Eddy Mitchell, Guy Marchand, Irène Skobline, Michel Beaune u.a.
128 Min.

Schwein oder Nichtschwein

Von Sven Lohmann In den 30er Jahren, als Frankreich noch Kolonien hat, schlurrt der Kolonialbeamte Cordier (fantastisch: Philippe Noiret) durch sein heruntergekommenes Provinzkaff in Französisch-Westafrika. Er ist eigentlich der offizielle Gesetzeshüter des Dorfes und hat dort für Recht und Ordnung zu sorgen, aber weil er ein gutmütiger, traniger Kerl ist und noch dazu nicht an die gesellschaftliche Ordnung glaubt, funktioniert das nicht. Privat wie öffentlich nimmt ihn niemand unter der weißen Bevölkerung für voll, bis schließlich seine Ohnmacht und die Schmähungen seiner Mitmenschen für ihn selber zu einer enormen seelischen Belastung werden. Sein großkotziger Vorgesetzter in der Provinzhauptstadt (auch fantastisch: Guy Marchand) empfiehlt ihm dafür eine verblüffend einfache Lösung: Rigoros durchgreifen; denn mit Laisser-faire bringt man es nicht weit im Leben.

Bertrand Taverniers gallige Satire macht Nägel mit Köpfen: Cordier befolgt nun diesen Rat mit amoralischer Konsequenz und einer ungeheuren Arglist – wenn auch so schlurfig und mit gleicher Unschuldsmine wie eh und je, und wenn auch um den Preis, daß sein sozialer Amoklauf ihm keine Erlösung bringt. Die Geschichte basiert auf dem Kriminalroman "Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen" von Jim Thompson, der in einem US-Südstaatendorf spielt; bei Tavernier wird nun das kolonialisierte Afrika zum Modell einer hierarchischen Machtgesellschaft, in der mit weicher Welle nichts zu holen ist, und der Respekt der Mitmenschen schon mal gar nicht. Tavernier hat sich von jeher mit seiner Vielseitigkeit und mit originellen und klugen Filmen wie Der Uhrmacher von St. Paul oder Wenn das Fest beginnt… bei Cineasten einen Namen gemacht, und dabei auch regelmäßig Preise gewonnen; Der Saustall war 1983 immerhin für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. In Deutschland sind seine Filme dennoch sträflich unterrepräsentiert, auch von Der Saustall gibt es leider keine deutsche DVD.

Das ist allzu schade, denn dieser Film hat wahrhaftig größere Beachtung verdient, nicht nur von Liebhabern des französischen Kinos – er ist ein unbedingt sehenswerter Geheimtip. Besonders hervorheben muß man zuallererst die spielfreudige Besetzung mit Isabelle Huppert, Guy Marchand, Jean-Pierre Marielle und Stéphane Audran (als Cordiers fürchterliche Frau); Taverniers Lieblingsmime Philippe Noiret in der Hauptrolle ist schlichtweg eine Sensation. Der Saustall besticht aber auch als schwarze Komödie mit vorzüglichem Sinn für intelligenten, bitterbösen Humor, und mit einem ziemlich hinterfotzigen Drehbuch. Tavernier inszeniert schlicht, aber einfallsreich, verspielt und lebendig, und schafft eine pessimistische, auf erschreckende Weise komische Welt: Die moralische Reflexion, zu der sich die Geschichte auswächst, und ätzende Gesellschaftskritik stoßen direkt und unvermittelt auf absurden Humor. Und in der faszinierend ambivalenten Figur Cordier kommt zwischendurch doch immer wieder, ganz existenzialistisch, die nackte Verzweiflung zum Vorschein. Wer geistreichen Zynismus als Rarität zu schätzen weiß, findet hier einen regelrechten Schatz. Und nebenbei ist in diesem Sinne Der Saustall mit seinen lakonischen Dialogen auch noch ein wahrer Steinbruch für sagenhafte Filmzitate. 2011-04-27 09:57
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